Donnerstag, 13. Juni 2013

„Wie der Vater so der Sohn“

„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ oder „Wie der Vater so der Sohn“. Zwei Redensarten mit gleichem Inhalt und auch wieder nicht. Während die erste eine unanfechtbare Wahrheit transportiert, unterliegt die zweite dem Gesetz der Relativität. Man könnte auch sagen: Es ist zum Glück nicht immer so. Wo es zum Glück aber so ist, da handelt es sich in der Regel um Erfolgsgeschichten, von denen die Protagonisten und manchmal sogar die Gesellschaft profitieren. Einen solchen Fall erlebt zurzeit die Musikwelt in Ingolstadt. Da ist ein Apfel gleich neben den Stamm gefallen und der Sohn ist (fast schon) wie der Vater – in seiner künstlerischen Ausprägung. Die Protagonisten sind Viktor Konjaev und sein Sohn Alexander – zwei Geiger höchsten künstlerischen Formats.

Der Vater, Viktor Konjaev (*1947) hat in seiner Heimatstadt Tiflis / Georgien die hohe Kunst des Violinspielens erlernt. Er war Konzertmeister und zweiter Dirigent des Staatlichen Georgischen Kammerorchesters, wirkte ebenfalls als Konzertmeister im Staatlichen Georgischen Symphonieorchester und spielt zurzeit im Münchner Kammerorchester. Der vielfach ausgezeichnete Musiker hat sein Talent und seinen musikalischen Fleiß in der Familie weitergegeben. Sohn Alexander Konjaev (*1972, Tiflis) ist bei vielen namhaften Professoren in die Lehre gegangen (Gottfried Schneider, Christian Stier, Valery Klimov, Zakhar Bron, Igor Oistrach), bevor er in seiner Wahlheimat Ingolstadt die Stelle des Stimmführers der zweiten Geigen im Georgischen Kammerorchester antrat und an der Simon-Mayr-Musikschule zu unterrichten begann.

Zum Glück gibt es in Ingolstadt eine Konzertreihe, die es ermöglicht, dass Musiker aus verschiedenen Orchestern sich zu Ensembles zusammenfinden und dem Programm entsprechend in verschiedenen Besetzungen musizieren. So kommen auch Vater & Sohn Konjaev im AsamCollegium zusammen, um nach höchsten musikalischen Maßstäben zu musizieren. Die Konzertreihe OrgelMatinee um Zwölf in der Asamkirche Maria de Victoria ist die ideale Bühne für solche Geschichten. Wie interessant und musikalisch spannend diese ab und zu sein können, war mal wieder am 9. Juni 2013 ersichtlich. 

Ludwig Schmidt
Vier Stücke standen auf dem Programm. 1.) Johann Sebastian Bach (1685 -1750): Praeludium und Fuge G-Dur BWV 541. An der Orgel saß Ludwig Schmid (*1985). Der junge Mann spielt seit seinem sechsten Lebensjahr Klavier. Und dass er auch das Orgelspiel beherrscht, war mehr als deutlich zu vernehmen. Gewaltige Staccato-Stöße und aufbrausende Bässe haben das vorwärtsstürmende Thema zu einem abrupten Halt getrieben. Die Fuge konnte beginnen. Nach Flucht hörte sich das aber nicht an. Eher an ein friedliches Spiel zwischen dux (Führer) und comes (Gefährte). Und so wird J.S. Bach es sich wohl auch vorgestellt haben. Dem Auditorium hat’s gefallen. Der den Weg des Organisten von der Orgel zum Cembalo begleitende Applaus war ein untrüglicher Beleg dafür. Dort vor dem Altar warteten sie schon auf ihn: die Konjaevs und das AsamCollegium.

Viktor Konjaev spielt
Romanze für Violine und Streicher
von August Wilhelmj
2.) August Wilhemj (1845 – 1908): Romanze für Violine und Streicher op. 26 (Bearbeitet von Viktor Konjaev). Und gespielt von Viktor Konjaev – Geigensolo. Kein Dirigent. Blindes Verstehen zwischen Orchester (meist Georgier) und Solist. Und ein Solovortrag, der dir fast den Atem nimmt. Diese Saiten erzählen eine Geschichte. Nur der Komponist wird sie wirklich gekannt haben. Aber von Liebe muss die Rede gewesen sein. Wenn der Ausdruck „filigran“ in der Musik eine Berechtigung hat, dann in diesem Stück. August Wilhemj war selber ein gefeierter Geigenvirtuose. Er wusste sehr wohl, wie man sich mit einem Instrument unterhält. Viktor Konjaev weiß es auch, und er muss auch wissen, warum Romanzen immer zum Schluss, wenn sie ihre Seelen im wahrsten Sinne des Wortes aushauchen, am schönsten sind. Sonst wäre ihm diese fantastische Spannung zum Ende des Stückes nicht so gelungen. 

3.) Max Bruch (1838 – 1920): Romanze für Violine und Streicher op. 85 (um 1912) (Bearbeitung von Viktor Konjaev). Wieder eine Romanze. Mit Szenenwechsel. Alexander Konjaev übernimmt den Solopart für die Geige. Es wäre unanständig jetzt Vergleiche zu bemühen. Der Vater dirigierte und der Sohn spielte. Gut, aber anders als der Vater. Eine Romanze muss nun mal einer schmelzenden Melodik geschuldet sein. Wie sonst könnten Ritter – wenn es sie denn noch geben würde – von ihren Liebesabenteuern berichten? Vor mir saß eine Familie mit zwei Kindern. Das Mädchen kuschelte sich am Hals des Vaters. Ob es was verstanden hat, von der Geschichte, die diese Geige erzählte, oder sich etwas dabei vorgestellt hat? Auf jeden Fall muss es etwas empfunden haben. Und das war Liebe. Auch diese Romanze hat ihre Wirkung erreicht; nicht zuletzt – auch hier – mit diesem grandiosen Abschied aus dem Reich der Töne.

4.) Antonio Vivaldi (1678 – 1741): Concerto a Moll für zwei Violinen, Streicher und Basso continuo op. 3/8 RV 356. Was für eine Musik. Und welch ein Schauspiel. Hier erübrigt sich die Gleichnisversuchung. Da erfährt die Redewendung ihre sicht- und spürbare Gültigkeit: „Wie der Vater so der Sohn“. Es gibt nichts zu vergleichen. Da musizierten zwei Künstler, die sich ihres Dienstes im Auftrag der Musik voll bewusst waren. Perfektion im Zusammenspiel, auch mit dem Orchester. Der Sohn kommunizierte mit der Geigenseite und der Vater mit der Cello-Contrabass-Seite. Während die temperamentvollen Allegro-Kopfsätze dazu führten, das Auditorium über die Virtuosität der zwei Geiger staunen zu lassen, so geriet der wirklich ergreifende Vortrag des Mittelsatzes im Lerghetto spiritoso zu einem lyrischen Dialog – fabelhaft die Zurückhaltung des Orchesters -, der spüren ließ, wie seelische Harmonie sich in Musik umwandelt. 


video


Langanhaltender Beifall und Bravorufe für die drei Solisten und das Orchester.

Das Mädchen saß noch immer gebannt auf dem Schoß des Vaters. Es hat soeben einem großen Musikereignis beigewohnt. Ob es sich als Erwachsene noch daran erinnern wird?

Anton Potche


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