Montag, 14. August 2017

Der ländliche Raum in Bayern während der NS-Zeit

Ich erinnere mich an Landserhefte, die ich in den 1960er Jahren hinter dem Schornstein auf dem Dachboden meines Elternhauses im rumänischen Banat fand. Natürlich war ich an deren Lektüre als 10-Jähriger kaum interessiert. Nur die bemalten Einbände faszinierten mich: Panzer, Kriegsschiffe, Kampfflugzeuge und Kriegsszenen mit siegenden deutschen Soldaten. Schließlich sahen wir zu jener Zeit im Dorfkino ja auch Kriegsfilme und konnten natürlich die Landserbilder richtig einordnen – auch wenn die Kriegsfilme, die im Kulturheim gezeigt wurden, eher die Vietnam- und Koreakriege zeigten, natürlich mit den siegreichen kommunistischen Verbänden. Irgendwann sind die Hefte dann verschwunden. Vielleicht hat die Oma sie beim Schüren des Kessels oder des Backofens sinnvoll verwertet. Geblieben ist mir die Erinnerung an jene Zeit. Und die war mir erst kürzlich ziemlich präsent, als ich im Bauerngerätemuseum in Ingolstadt-Hundszell die Ausstellung Volk - Heimat - Dorf – Ideologie und Wirklichkeit im ländlichen Bayern der 1930er und 1940er Jahre besuchte.

Einer der Themenschwerpunkte trug die Überschrift Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus. Ich musste bei der Ansicht der ausgestellten Propagandamaterialien (Zeitschriften und Kriegsspiele) an die Landserhefte meiner Kindheit – lange nach dem Krieg – denken, aber auch an die „Kriege“ die wir in den Dorfgassen mit Holzpistolen und Gewehrattrappen führten. Manchmal kamen auch Pfeil und Bogen zum Einsatz, liefen doch in jener Zeit im selben Dorfkino auch die ersten Karl-May-Filme. Man stelle sich das Chaos in unseren von Abenteuerlust beseelten Herzen und verwirrten Köpfen vor. Vietnamesen, Koreaner, aber auch siegende Rotarmisten und flüchtende Landser (wer hatte da wohl Recht, die Filme oder die Heftebilder?) und dazu heldenhafte Indianer und weiße Banditen. Der Krieg war 20 Jahre vorbei, aber sein ideologischer Bodensatz gärte in Südosteuropa unbeschadet fort – nur eben nicht als nationalsozialistische Ideologie, sondern als kommunistische.

 So wird wohl jeder Besucher dieser Ausstellung seinen Gedanken nachhängen. Auf irgendeine Weise war jeder Teil der Gesellschaft vom Nationalsozialismus berührt, ein Themenschwerpunkt ist mit Durchdringung der Gesellschaft überschrieben. Auch das Leben auf dem Land. Und war der Weiler noch so klein und abgelegen. Die Gesetze und Verordnungen erreichten alle, auch wenn sie nicht immer befolgt wurden. Die Informationstafeln in dieser Ausstellung berichten davon. Es gab zum Beispiel ein Reichserbhofgesetz, das zum Ziel hatte, „eine Überschuldung der Höfe zu verhindern und vom »Kapital des Judentums« unabhängig zu werde.“

Das Themenspektrum dieser Ausstellung ist weit gefächert: Autarkiebestrebungen in der Landwirtschaft, Kleidung in den 1930er und 1940er Jahren, Mangel und Kriegswirtschaft, Die Rolle der Frau im Nationalsozialismus („Die »erbgesunde«, »arische« Frau sollte möglichst viele Kinder zur Welt bringen und diese ganz im nationalsozialistischen Sinne erziehen."), Arbeit adelt! Der Reichsarbeitsdienst (RAD), Behelfsheime für Ausgebombte, Zurück zur Scholle; Kleinsiedlungen in der NS-Zeit, Das Winterhilfswerk. Auch an das Jüdische Leben auf dem Land haben die Kuratoren gedacht.

Fotos: Anton Potche
Und an die Zwangsarbeit („Allein in Franken arbeiteten etwa 250.000 bis 300.000 überwiegend aus Osteuropa verschleppte Zivilarbeiter und zahlreiche Kriegsgefangene, darunter ein sehr großer Teil in der Landwirtschaft.“). Gerade hier zeigt neben dem vielen Bedrückenden die Ausstellung auch einen Lichtblick, ein Beispiel von erträglicher Kriegsfolge: „Der ukrainische Zwangsarbeiter Peter Diakon hat schon während des Krieges in der Dorfkapelle in Buch am Wald (Landkreis Ansbach) Schlagzeug gespielt. Er ist nach Kriegsende in dem Dorf geblieben und wurde als Schlagzeuger festes Mitglied der Dorfkapelle, die zu allen Anlässen aufspielte – vor allem zur Kirchweih.“

Ich begegnete bei meinem Schlendern durch die Ausstellungsräume vielen Menschen, meistens mittleren Alters und junge Leute. Auch eine ziemlich laute Gruppe schwarz gekleideter und tätowierter Frauen und Männer mit einem schreienden Kleinkind war dabei. Welcher Gesinnung die wohl anhängen, dachte meine Frau laut auf dem Heimweg. Darauf hatte ich keine Antwort. Wer sich so gibt, ist in der Regel stark links oder rechts. (Es gibt zum Glück auch Ausnahmen!) Was ein zu starkes Abtriften an politische und ideologische Ränder bewirken kann, wird den Besuchern dieser Ausstellung vermittelt – falls sie lernwillig sind. So gesehen, haben auch diese „Schwarzen“ ihre Eintrittskarte nicht umsonst gezahlt. Bleibt die Hoffnung, dass die ausgestellten Exponate, Dokumente, die Filme und Animationen auch bei ihnen die richtige Wirkung ausgelöst haben: Betroffenheit und der Wunsch, dass solche Zeiten Geschichte bleiben und in Ländern wie Venezuela, Nordkorea, Türkei und leider vielen anderen bald Geschichte sein werden.

Die Ausstellung kann in der Probststraße 13, 85051 Ingolstadt bis zum 31. Oktober zu folgenden Öffnungszeiten besichtigt werden: Dienstag bis Freitag 9 – 12 Uhr, Sonn- und Feiertage 14 – 17 Uhr; Besuche außerhalb der regulären Öffnungszeiten und Führungen auf Anfrage; Tel. 0841 / 305-1885(-1886); www.ingolstadt.de/bauerngeraetemuseum .
Anton Potche


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