Montag, 7. August 2017

Bösewichte hatten im Banat und in Siebenbürgen keinen leichten Stand

„Der seichteste Hohn journalistischer Weltweisheit gilt der Enthüllung, daß der Kulissenzauber eigentlich ein fauler Zauber sei, daß die Heroen der Bretter bei Tageslicht menschlicher aussehen, daß nicht alles Gold ist was glänzt, daß der Schein trügt und ehrlich am längsten währt. Literaten, die mehr aus Neigung als aus Begabung Satiriker sind, pflegen sich das Theatergetriebe, die Eitelkeit des Bühnenglücks, den Schauspielerkultus, den von Claque und Gärtner besorgten Ruhm als Spottrevier zu wählen. Ist die humoristische Wirkung als das Lustgefühl zu definieren, das durch die Aufdeckung eines Kontrastes ausgelöst wird, so wird es naturgemäß auf einem Gebiete, wo schon der Hervorruf eines toten Helden eine Welt von Kontrasten eröffnet, schwer sein, keine Satire zu schreiben. Der Geschmackvolle wählt das Schwerere. Flachköpfe, auf deren Antlitz Temperamentmangel kaum eine Hohnfalte erzeugen kann, haben von jeher ihrer Ernüchterungstendenz keinen bessern Spielraum gewußt als die Bretter, die, wie sie sagen würden, nicht die Welt, sondern die Halbwelt bedeuten. Das Theater ist die satirische Gehschule, in der sie mit schüchternen Gänsefüßchen die ersten Schritte wagen. Aber wahrlich, mir ist der Bauer, der dem Franz Moor von Temesvar nach der Vorstellung aufgelauert hat, mir ist der Mann, der kürzlich in Berlin dem alten Miller beim Hinauswurf des Präsidenten »Bravo! So ist’s recht!« zurief, und jener andere, der irgendwo anders dem Wachtmeister im »Zapfenstreich«, da er auf die Tochter losdrücken will, ein angstvolles »Thu’s nit!« entgegenschrie, mir ist sogar der Lebegreis, der einmal in »Ös Budavár« bei der Schaustellung der sich entkleidenden Pariserin dem im spannungsvollsten Moment sinkenden Vorhang mit ausgestreckten Armen wehren wollte, sympathischer als die kühlen Beobachter, welche die Schminke abkratzen, die Kränze zerpflücken und den Applaus auf seine Bestandteile von Begeisterung und Bezahlung analysieren …“

Da war einer nicht gut auf die Theaterkritiker zu sprechen. Und das war kein Geringerer als Karl Kraus (1874 - 1936) höchst persönlich. Seinem Unmut ließ er in der FACKEL Nr. 164 freien Lauf. Es ist allerdings schon ein Weilchen her. Im Juni 1904 war das gewesen. Dass Kraus in dieser Schmähschrift auch eine Anspielung auf eine Anekdote zu Schillers Die Räuber macht, dürfte heute niemand mehr wundern, wo man doch weiß, dass dieses Stück schon immer gut für Geschichten rund ums Theater war. Auch lange nach Karl Kraus. Und das sogar in der Gegend um Temeswar, wo jener Bauer sich anscheinend so richtig über Franz Moor geärgert hatte. Zu Recht, war der Franz doch ein echter Schurke.

Die emotionale Anteilnahme an dem Geschehen auf der Bühne hielt im Banat bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts an, als auch das Deutsche Staatstheater Temeswar mit Schillers Die Räuber die Dorfbühnen bespielte. Stefan Heinz-Kehrer (1913 - 2009) konnte aus der Neuzeit des deutschen Theaters im Banat schon immer viele Anekdoten erzählen. In seiner Autobiographie Im Zangengriff der Zeiten fasst er das schon von Karl Kraus erwähnte Phänomen so zusammen: „Irgendwo steht zu lesen, dass die Schiller’schen Dramen im allgemeinen und unter ihnen die Werke seiner Jugend im besonderen auf ein einfaches und unverbildetes Publikum heftig und mitreißend einwirken. Von der Richtigkeit dieser Behauptung konnten wir uns oft überzeugen.“

Der von Kraus erwähnte Bauer, muss sich über Franz Moor allerdings schon vor der vorletzten Jahrhundertwende geärgert haben, denn das deutsche Theater in Temeswar stellte bereits am 27. März 1899 mit Raimunds Verschwender seinen Betrieb ein. Und das für sage und schreibe 54 Jahre. Wie auch immer, die Banater Schwaben und auch die Siebenbürger Sachsen hatten ihre Herzen stets auf dem rechten Fleck, zumindest wenn sie ins Theater gingen. Und der Bösewicht Franz Moor hatte dabei keinen leichten Stand, weder im Banat noch in Siebenbürgen, wie man bei Karl Kraus und Stefan Heinz-Kehrer nachlesen kann. In Maldorf / Siebenbürgen rief einer im Saal „Bravo!“, als Amalia dem aufdringlichen Franz Moor eine schallende Ohrfeige verabreichte. Heinz-Kehrer hält dazu fest: „Niemand lachte über den selbstvergessenen Rufer! Er hatte allen aus dem Herzen gesprochen.“ (DONAUSCHWABEN KALENDER, 1996).
Anton Potche

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