Mittwoch, 13. Juli 2016

Heiteres, Besinnliches, Fiktives und Reales aus Ostpreußen von anno dazumal

Ruth Maria Wagner (Hg.): Erzählungen aus Ostpreußen – heiteres und Besinnliches; Edition Erdmann im K. Thienemanns Verlag, Stuttgart, 1987; ISBN 3-7711-0254-5; (Verkaufsexemplare bei zvab.com)

Wem sagen heute Namen von Ortschaften wie Hermenau, Royen, Sportlehnen, Liebstadt oder von Landstrichen wie Samland und Sassau sowie Flüssen wie Sziesze noch etwas? Sie heißen jetzt Niebrzydowo, Roje, Milakowo und tragen andere für die deutsche Zunge schwer zu formende Namen. Die in diesem Band veröffentlichten Erzählungen spiegeln alle eine sowohl zeitlich als auch geografisch weit entfernte und vor einem guten Vierteljahrhundert noch schwer erreichbare Welt im Osten Europas wider. Diese Welt mit ihren deutschen Prägungen ging schon 1945 für immer unter. Sie existiert heute nur noch in Bildern und Schriften.

Der Band Erzählungen aus Ostpreußen mit dem Untertitel Heiteres und Besinnliches enthält 34 Texte von 33 Autoren. Sie sind von einem Vor- und Nachwort eingerahmt. Hans Helmut Kirst (1914 – 1989) überschreibt sein Vorwort mit dem Titel Erbarmung – sie dichten schon wieder! Das ist ein klarer Hinweis auf ein reges literarisches Schaffen in der Zeit, als Ostpreußen noch von Deutschen bewohnt war. Dieser Menschenschlag war eher wortkarg als wortgewaltig. „Aber nicht wenige dieser Schweigenden schrieben auf, was sie bewegte.“ Also haben wir es hier nicht mit einer Auslese nach strengen literarischen Maßstäben, die natürlich auch nur subjektiv sein könnten, zu tun, sondern mit einer breitgefächerten Blumenlese ostpreußischen Schrifttums vor der Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg. Und er war auch nicht unbedingt literaturbegeistert, dieser deutsche Menschenschlag im fernen Osten Europas. Das war schon in den Zeiten von H. H. Kirsts Großvater so: „Am 75. Geburtstag meines geliebten Großvaters verlas er ein Gedicht von fünfundsiebzig Versen – zum Entsetzen seiner trinkfrohen und dabei zu verdursten drohenden Brüder.“

Aber das waren ja längst nicht alle Ostpreußen. Die waren verschieden wie die Menschen überall auf der Welt. „Patrullas“ Lachen zum Beispiel blieb für Grete Fischer (1922 – 2013) unvergesslich und floss durch ihre Feder in eine kurze Erzählung.

Weil dieses Lesebuch nicht als rein literarische Anthologie konzipiert ist, kommen auch andere Schöngeister zu Wort. Der große Maler Lovis Corinth (1858 – 1925) erzählt augenzwinkernd von seiner Geburt an Toon Koornaust, also am Tag der Roggenernte.

Wie gefährlich Männer im Moor leben, schildert Ottfried Graf Finckenstein (1901 – 1987). Dass man dabei schon mal eins über die eigene Rübe bekommen kann, erzählt der Prof. für Germanistik mit leicht spöttischem – natürlich nicht bös gemeintem -  Unterton.

Pferde wurden auch in Ostpreußen gestohlen. Wie Onkel Fischer auf dem Pferdemarkt zu Wehlau wieder zu seinem Braunen kam, erfahren wir von Katharina Botsky (1879 – 1945). Die Schriftstellerin war Mitarbeiterin der berühmten Zeitschrift SIMPLICISSIMUS und ist auf der Flucht vor der Roten Armee gestorben.

Dass man mit seinem feinen Spott am besten in Schilderungen von Dorfverhältnissen auftrumpfen kann, beweist Hans Helmut Kirst in der Erzählung Das Leben – ein Fest. Einer seiner Protagonisten, Pokorny, wirkte „wie eingebettet in füllige Fleischlichkeit, mit blanken Augen und gern gefalteten Händen. Seine nicht minder stattliche Frau stand in dem erstaunlichen Verdacht, Klavier spielen zu können.“

Der Gang nach Ragnit hat sich für Hanneken und ihre Mutter ausgezahlt. Der verlorene Vater ist wieder da. Man freut sich auch als Leser, wenn eine solche Geschichte gut ausgeht – dank Johanna Wolf (1851 – 1943).

Frida Jungs (1865 – 1929) Dickkoppsche Nadeln erinnert mich doch sehr an mein kindliches Warten auf die Oma, die immer etwas vom „Fratscheln“ aus Temeswar mitbrachte. Wenn Friedels Mutter einmal im Vierteljahr nach Gumbinnen fuhr, sah man das dem Mädchen in der Schule an. Und es gestand gerne: „Na, sull eck nich lache – ons’ Mutterke es enne Stadt gefoahre!“

Fremde gab es auch in Ostpreußen. Paul Brock (1900 – 1986) zeichnet in der Erzählung Das Fest des Fremden das Porträt eines Ruhelosen. Der verschwand nach dem Fest genauso unauffällig, wie er eines Tages im Dorf aufgetaucht war. Und als er nach langer Zeit ein Bild schickte, sah Lena, bei der er wohnte, „einen Mann in buntem Schellengewand, der sich vor einem unsichtbaren Publikum verneigte. Sein Gesichtsausdruck war schwer zu deuten; er wirkte traurig und lustig zugleich.“

Auch von Begegnungen mit Schlangen wird berichtet. Damals – früh im Sommer war’s, als Curt Elwenspoek (1884 – 1959) sich auf Schlangenjagd begab. Dieses Abenteuer hat in einer autobiografischen Skizze die Zeit überlebt.

Eine für heutige Verhältnisse wundersam anmutende Gesellschaft müssen Die Bauern von Boskollen gewesen sein. Ihre Geschichte trug sich „im Jahre des Heils 1692“ zu und ist meisterhaft erzählt von Gertrud Papendick (1890 – 1982).

Michael Rehs (*1927), ehemaliger Generalsekretär  des Instituts für Auslandsbeziehungen Stuttgart, hat Ein Weihnachtsmärchen für Erwachsene geschrieben. Eine traurige Geschichte vom Tod des „kleinen Rostin“.

Was Dünensand bewirken kann, beschreibt Hansgeorg Buchholz (1899 – 1979). So enden sich in Künstlerkreisen, hier bei Dreharbeiten für einen Film, anbahnende Liebschaften wahrscheinlich öfter: „Eine Romanze – flüchtig wie der Sand? Ein Gedicht vielleicht! Eine Drehbuchidee?“

Schneeweiße Straßen im Sommer? Und das im ostpreußischen Eichenort? Das geht. Wie, erzählt Kl. Klootboom-Klootweitschen (1890 – 1963) in Die Schlittenfahrt im Juli.

Ebenso abenteuerlich liest sich eine Phantastische Mondscheinfahrt. Charlotte Keyser (1890 – 1966) hat sie niedergeschrieben. Wie sagte man doch bei uns in Jahrmarkt, wenn die Pferde nicht mehr weiterwollten? Ach ja, „sie stutze“.

Der Schmandschmecker, eigentlich der Milchprüfer, wurde von Onkel Ferdinand schlecht gelitten. Umso größere Stücke hielt Tante Luise von ihm. Immerhin hat er Onkel Ferdinand dazu gebracht, von seiner Kunst des Orchesterdirigierens während einem feuchtfröhlichen Aufenthalt in einem Königsberger Café zu erzählen. Dabei lässt Heinz Panka (*1915) seine Helden auch philosophieren. Köstlich!

Erinnerungen halten sich oft an Gegenständen fest. Der Stock des Figus ist so ein Gegenstand, der den Großvater zum Erzählen bringt: „Siehst ja bald jeden Tag im Fernsehen, wie Menschen vertrieben werden. Und immer werden welche die silbernen Löffel vergessen und den alten Hut mitnehmen oder ein altes Spiel Karten".“ Hedy Gross (*1916) erzählt einfühlsam, warum ein Stock ein alter Hut sein kann.

Unter Hirten begab sich Eva Schwimmer (1901 – 1986), um diesen Essay zu schreiben. Ein Loblied auf die Abgeschiedenheit, die Ferne von der „Wirrnis der Großstadt“. Und wie wahr: „Die Rufe der Hirten sind wichtig in der Welt.“

Da sind schon sehr bekannte Namen in dieser Anthologie zu finden: Johannes Bobrowski (1917 – 1965) zum Beispiel, Preisträger der Gruppe 47. Der Posthalter, eine hervorragend karikierte Figur des ostpreußischen Staatsdieners, ist Kurzprosa vom Feinsten, inhaltlich wie sprachlich.

Die Fahrt zur Jugendliebe kann schon mal in einer großen Enttäuschung enden. Vielleicht macht man es besser wie Marie Martha Lacombe-Brückner (*1913) – oder ihre Ich-Erzählerin: „Ich nahm mir vor, immer nur ein bisschen liebzuhaben, damit ich mir eine Rose hinter das Ohr stecken und davonfahren konnte, während dem anderen das Herz blutete und er sich die Tränen verbiß.“ Ganz schön fies, würde ich sagen.

Siegfried Lenz (1926 – 2014), der große Erzähler der deutschen Literatur, auch er war ein Ostpreuße. Und auch er hat Eine Liebesgeschichte geschrieben. „O Wunder der Liebe, insbesondere der masurischen; das Mädchen, das träumende, rosige, hob seinen Kopf, zeigte der alten Gusche den Taufschein und sprach: >Es ist<, sprach es, >besiegelt und beschlossen. Was für ein schöner Taufschein. Ich werde heiraten.< Die alte Guschke, sie war zuerst wie vor den Kopf getreten, aber dann lachte sie und sprach: >Nein, nein<, sprach sie, >was die Wäsch’ alles mit sich bringt. Beim Einweichen haben wir noch nichts gewusst. Und beim Plätten ist es schon soweit.<“ Urwüchsig. Volksnah. Voller liebenswerten Humors.  Weltliteratur – köstlich diese Anapher „sprach“ - aus dem Band So zärtlich war Suleyken.

Michael Rehs ist mit einer zweiten Erzählung, Die drei Brüder, in diesem Sammelband vertreten. Das ist keine schöne Geschichte. Hass und Gier: Hassgier.

Gut, dass schon die folgende Erzählung aus dem Universum des Jägerlateins stammt. War Rubbeljack ein Versager? Er war auf jeden Fall ein „stämmiger, frecher Rauhhaardackel“, lässt uns Heinke Frevert (1916 – 1997), Gattin von Walter Frevert (1897 – 1962), letzter deutscher Oberforstmeister der Rominer Heide und erfolgreicher Jagdschriftsteller, wissen.

Marthas Heimkehr im Herbst legt in Herbert alte, eigentlich nie geäußerte Gefühle frei. Und das obwohl Martha nicht allein gekommen war. Sie hatte ein Kind dabei, „das sie auf dem Arm trug“. Die freie Schriftstellerin und Journalistin Ruth Geede (*1916) tut uns aber nicht den Gefallen, diese Erzählung mit einem endgültigen Schluss, traurig oder erfreulich, ausklingen zu lassen.

Hermann Sudermann (1857 – 1928) schreibt in der autobiografischen Skizze Das singende Eis in einem poetischen Duktus über die Wahrnehmung der Natur in seiner „armen litauischen Heimat“. So schön kann Schlittschuhlaufen sein: „Das Eis erklang, die Risse donnerten, und so flog man hinein in die Lichtwelt. Bis sie anfing, sich purpurn zu färben, bis das Blau sich zu Rosa verklärte und der blasse Märzenmond plötzlich am Himmel stand.“

Vorweihnacht im alten Königsberg kann für Außenstehende ganz schön unverständlich sein – damals, als dort noch Ostpreußen lebten, wie heute. Was hat die „dicke Handelsfrau“ nun wirklich gesagt, als sie Vater und Sohn beim Heimtragen eines ziemlich missratenen Weihnachtsbaumes begegnete? „Herrkes, mött de Spötz noa hinde, denn dräggt söck dat lang Rachachel bäter!“ Walter Scheffler (1880 – 1964), der in Königsberg geborene Buchbinder und Schriftsteller, hat sich schon zu Lebzeiten die Leseversuche nichtpreußischer Leser ersparen können (müssen), denn er war leider schon als Junge völlig taub.

Ostpreußen und die Ostsee sind unzertrennlich. Das spürt man in dieser Blumenlese. Wo könnte dieses auch mythologische Verhältnis besser zum Tragen kommen als in der Literatur? Die Dünenhexe ist so ein Beispiel von Traum- und Traumatawelten inspirierter Erzählkunst. Es ist keine schöne Erzählung, die uns Tamara Ehlert (1921 – 2008) da auftischt, aber sie hinterlässt einen Eindruck von der ebenso poetischen wie rauen Lebensweise, die in der Welt der Dünen herrscht.

Elli Kobbert-Klumbies (*1922) lässt eine nette Liebesgeschichte, Das Sekundchen, in einen philosophischen Schluss münden: „Er wusste nun gut um den himmelweiten Unterschied zwischen unbekömmlichen Sekundchen, die sich nur rächen, und den großen Stunden, die Segen bringen. Denn während die Sekundchen gestohlen sind, werden einem die großen Stunden immer nur unverdient geschenkt.“ Für Gustav war der Weg von der Sekunde zur Stunde ziemlich steinig.

Wie überall auf der Welt war auch im Ostpreußen der Vorkriegszeit der Familienmikrokosmos ein Spiegelbild der dortigen Gesellschaft. Ein „dammlicher Pomuchelskopp“ ist nicht mehr als ein Tollpatsch auf Brautschau. Georg Hermanowski (1918 – 1993) schildert, wie der sich auf Freiersfüßen der nicht gerade begeisterten zukünftigen Schwiegermutter vorstellt. Der Arme! Wir kennen ihn übrigens auch aus der Banater Mundartliteratur. Also von wegen Spiegelbild: nur ein kleiner Fleck, nicht unbedingt schwarz, nur ein wenig angebräunt – welcher Spiegel bekommt den nicht mit der Zeit?

Die Marjell mit dem Medizinball und Hans begegnen sich zweimal. Hans-Ulrich Stamm (*1924) erzählt diese Lebensgeschichte aus der Kriegszeit. Persönliche Glücksmomente können Menschen auch im Krieg beschert werden. Einige mögen solche Erzählungen als kitschige Liebesprosa in Heftromanstil abtun. Unglaubwürdigkeit kann man ihr aber nicht nachsagen, und das nicht nur wegen dem fiktionalen Charakter von Literatur, sondern weil das Leben ja selber immer die schönsten und brutalsten Geschichten schreibt.

Agnes Miegel (1879 – 1964) gehört zu den großen Schriftstellerinnen der deutschen Literatur. Sie war Dr. h. c. der Königsberger Albertus-Universität und hat 1916 den Kleist-Preis erhalten, zu dem sich noch einige namhafte Preise gesellten. Bei einem Nachtspaziergang lässt sie einen von der Wahrhaftigkeit seiner Träume überzeugten Magister von sonderbaren Begegnungen erzählen.

Der Name Käthe Kollwitz (1867 – 1945) ist an Kultur interessierten Menschen nicht minder bekannt. Die Graphikerin, Malerin und Bildhauerin war Mitglied der Akademie der Künste. Der autobiografische Text Mein Kinderparadies entstammt ihrem Buch Aus meinem Leben und endet mit dem Fazit: „Im Grunde fühlte ich immer heimatliche Liebe, Verbundenheit und Dankbarkeit. >Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt.<“

Die Magd ist eine Herbergsgeschichte, aber nicht irgendeine, sondern eine sprachlich und dramaturgisch höchst anspruchsvolle. Kein Wunder, wenn man den Autor kennt: Ernst Wiechert (1887 – 1950). Biografen erwähnen gerne seine Aussage, dass er nicht aus einer literarischen Schule, sondern aus einer „großen Landschaft“ komme. Geboren wurde er in einem Forsthaus im sagenumwobenen Masuren und gestorben ist er auf dem Rütihof in der Schweiz. Dazwischen liegt ein bewegtes Leben, zu dem auch das Überleben im KZ Buchenwald gehört.

Und dann folgt der Name, der wohl noch vielen Deutschen – nicht nur Literaturinteressierten - ein Begriff sein dürfte: Marion Gräfin Dönhoff (1909 – 2002). Die preisgekrönte Publizistin hat besonders als Chefredakteurin der Wochenzeitung DIE ZEIT Maßstäbe in der deutschen Presselandschaft gesetzt. Ihr autobiografisches Buch Namen, die keiner mehr nennt enthält auch den in dieser Anthologie veröffentlichten Text Nach Osten fuhr keiner mehr. Die Gräfin schildert hier ihre abenteuerliche Flucht vor der Roten Armee – zu Pferde (auf Alarich), 1200 km westwärts, und das in sieben Wochen.

Letzter im Bunde der in diesem Band versammelten ostpreußischen Schriftsteller und Künstler ist Hans Graf von Lehndorff (1910 – 1987). Er und Marion Gräfin Dönhoff hatten den Widerstandskämpfer im Dritten Reich Heinrich Graf von Lehndorff-Steinort (1909 1944) zum gemeinsamen Vetter. Hans Graf von Lehndorff war von Beruf Arzt und gelangte erst 1947 als Vertriebener in den Westen. Sein Ostpreußisches Tagebuch . Aufzeichnungen eines Arztes aus den Jahren 1945 – 1947 hat seit seinem Erscheinen im Jahre 1961 einunddreißig (31) Auflagen erlebt. Der hier veröffentlichte Text Auf der Flucht entstammt diesem Tagebuch, das auch verfilmt wurde.

Ruth Maria Wagner (1915 – 1979), die diese von Erich Behrendt (1899 – 1983), ein in Ostpreußen geborener Maler und Grafiker, illustrierten Erzählungen aus Ostpreußen herausgebracht hat, stellt dem Vorwort mit dem Titel Erbarmung – sie dichten schon wieder! ein Nachwort mit der Überschrift Wenn sie nicht gedichtet hätten – Erbarmung! gegenüber. Wahrlich, wir Nachgeborenen wären ärmer ohne dieses und andere Bücher mit heiteren und besinnlichen, fiktiven und realen Geschichten aus Ostpreußen von anno dazumal.

Anton Potche

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