Montag, 13. März 2017

Zeitumarmung

Lektoratskollektiv Verlag Volk und Welt, Berlin: stark und zerbrechlich – Ein Lesebuch – 80 Autoren aus 30 Ländern; Verlag Volk und Welt, Berlin, 1985; Bestell-Nr. 6484885 (gebrauchte Exemplare sind noch bei AMAZON erhältlich)

Man ist ja versucht, bei Anthologien auch auf den Namen des oder der Herausgeber zu schauen. Wessen Geschmack ist hier zu beurteilen, zu bestaunen, zu akzeptieren oder auch abzulehnen? Nicht so in dem umfangreichen Band stark und zerbrechlich. Hier firmiert als Herausgeber das „Lektoratskollektiv des Verlages Volk und Welt“.


Werke von „80 Autoren aus 30 Ländern“ wurden hier im Ostberlin des Jahres 1985 zusammengetragen. Angesichts dieses Untertitels hätte man wenigstens die Zahl der beim Zusammenstellen dieses DDR-Literaturgeschmack-Kanons beteiligten Verlagsmitarbeiter anführen können. Dieses immerhin 759 Seiten umfassende Buch hat aber weder Vor- noch Nachwort, nur einen Klappentext. Aus dem erfährt der geneigte Leser dann, dass „jeder der hier vertretenen Schriftsteller“ auch zum Verlagsprogramm gehört, „viele mit einem großen Teil ihres Gesamtwerkes, andere mit Sammelbänden“, und dass „fast alle Beiträge nach 1945 entstanden sind und hier erstmals in der DDR veröffentlicht werden“. Es bleibt halt alles ein bisschen im Ungefähren.

Nicht ganz aufschlussreich ist auch die mit Füllfeder geschriebene Widmung auf dem ersten Blatt des Buches. Sie sagt immerhin aus, dass B.W. dieses Buch am 10. Juli 1986 jemand geschenkt hat, und zwar mit „Herzlichem Glückwunsch und Gottes Segen zum 50. Geburtstag und ganz herzlichen Dank für den bisherigen Unterricht“. Auf jeden Fall blieb das Buch nicht ewig bei der/dem Beschenkten, mit großer Wahrscheinlichkeit eine Lehrkraft oder ein Aushilfestunden erteilender Student.


Foto: Anton Potche
Aber damit verlässt es den Weg des Ungefähren, denn 2015 fand ich es zwischen Schallplatten, Postkarten, Glas, Geschirr, Porzellan und anderen Büchern in der Bücher- und Trödelhalle in Prora auf Rügen. Preis: 1,-- Euro. Ein Schuppen. Aus der Zeit gefallen. DDR-Überbleibsel. Ostalgie. Faszination pur. Die Literatur dazu? Die findet man in meinem Schnäppchen aus dem unter einem Regal vergessenen und verstaubten Karton einer langsam, aber sicher dem Vergessen anheimfallenden sozialistischen Literaturszene. (Die ausgestellten, leicht einsehbaren Exemplare, waren in der Mehrheit Übersetzungen aus dem Amerikanischen und Englischen.)

Man sollte (sogar als ehemaliger Ostblockbürger) auch ein solches Buch nicht mit Vorurteilen aufschlagen. Ich tat es trotzdem und wurde eines Besseren belehrt. Natürlich gibt es da viel dem sozialistischen Materialismus Geschuldetes. Aber es gibt auch das literarisch Genießbare und die nicht immer nur zwischen den Reihen versteckte Gesellschaftskritik.

Erich Frieds (Österreich) Gedicht Eine Stunde ist dafür das beste Beispiel. Oder Der Waldpfad zur Quelle, ein beeindruckendes Naturgemälde von Malcolm Lowry (England). Dass Tschingis Aitmatow (Sowjetunion) ein Erzähler von Weltformat war, sieht man auch hier in seiner Erzählung Die Klage des Zugvogels.

Von Ana Blandiana (Rumänien) kann man Eine schematische Wunde nachempfinden. Dieses traurige Märchen vom toten Delphin lässt viele Interpretationen, ja sogar politische Gleichnisse vom ersten Satz an zu: „Eigentlich habe ich in dem Moment, als ich das heftige Dröhnen der Schaluppe hörte, gewusst, dass das mein Ende ist, musste der Delphin, von der Übermacht verborgener Gewalten irgendwie eingeschüchtert, innerlich bekennen.“ Wenn man akzeptiert, dass hier die Gefühle des Delphins klare Bezüge zu menschlichen Ängsten aufweisen, dann können wir bei diesem Text von einer sehr gelungenen Fabel – sowohl als Fabulierkunst als auch als literarische Gattung – sprechen. Wäre ich als Rumäniendeutscher nicht befangen, würde ich behaupten, dass diese „schematische Wunde“ eines der besten Prosastücke dieser Blumenlese ist.

Da kommt man bei Max Frischs Fragebogen Nr. 1 auf ganz andere Gedanken. Was der Schweizer mit diesem Fragebogen bezweckte, wusste zu seinen Lebzeiten wohl nur er.

Zum Glück ist ein Charakteristikum jeder Anthologie die Abwechslung. So darf man hier die sehr geglückte Parabel in Bildern Die letzte Blume (Zeichnungen) des James Thurber (USA) bewundern. Man findet auch Texte, die betroffen machen. Sara Lidmans (Schweden) Mahnung Diese Kinder sind Kinder der Menschheit hat mich doch sehr an die Kinder von Cighid erinnert.

Nicht weniger nachdenklich stimmt einen der Romanauszug Das jüngste Gericht von Blaga Dimitrowa (Bulgarien). Wenn der Ich-Erzähler, ein bulgarischer Journalist, seinen rumänischen Kollegen beneidet, weil der sich von zwei Besuchsmöglichkeiten für eine Zementfabrik und nicht für einen Kindergarten entschieden hat, kann man sich leicht die vom Bulgaren vorgefundene leidgetränkte Stimmung im Kindergarten vorstellen. Kein Wunder: Wir sind in Vietnam.

Natürlich ist in diesem Buch auch viel politische Literatur zusammengetragen, war jenseits des Eisernen Vorhangs doch irgendwie alles Geschriebene politisch angefärbt, wenn auch nicht immer gleich erkennbar. Ganz unzweideutig kommt allerdings die Reportage von Jean Genet (Frankreich) daher. Das ist Ostblockpolitik. Mit klarem Sympathiebekenntnis des Betrachters für eine Seite.

Schon im letzten Drittel des Buches angekommen, stößt man dann auf Drei kleine Geschichten von Büchern – ein Hohelied auf die Bibliophilie. Endlich mal wieder etwas, das nichts mit sozialistischem Realismus zu tun hat. Gedankt sei Jaroslav Seifert aus der damals noch existierenden Tschechoslowakei.

Und so wechseln sich die Themen, Genres und Formen bis zur letzten Seite ab. Man trifft auch hier noch auf bekannte Namen wie etwa Nadine Gordimer, Friedrich Dürrenmatt, Albert Camus oder William Faulkner, um nur einige wertfrei zu nennen. Was man vergebens sucht, übrigens im ganzen Buch, sind Arbeiten von Autoren aus der … DDR. Das finde ich sehr befremdlich. Einen Grund für dieses Vorgehen des Verlags könnte man vielleicht aus einem Klappentext-Satz herauslesen: „Unser Lesebuch soll eine Brücke schlagen zwischen Schriftstellern aus aller Welt und ihren Lesern in der DDR.“ Also nur Autoren von draußen und Leser von drinnen.

Sollte mein Weg mich eines Tages wieder nach Prora oder in die Nachbarschaft führen, werde ich dem alten Schuppen in der Poststraße bestimmt einen Besuch abstatten – sofern es ihn noch gibt. Nostalgie hat eben so viel mit Zeitumarmung zu tun.

Anton Potche

Keine Kommentare:

Kommentar posten