Mittwoch, 3. Oktober 2018

Ein nachdenklicher Kurt Biedenkopf in Ingolstadt

"Reden zur Einheit Deutschlands", Stadt Ingolstadt, 2. Oktober 2018

Nachdenklich, aber nicht belehrend – wie will man das beim Thema Zukunft auch sein – klang gestern Abend Prof. Dr. Kurt Biedenkopf bei seiner in Ingolstadt gehaltenen Festrede zum Tag der Deutschen Einheit. Diese „Reden zur Einheit Deutschlands“ wurden seit1997 schon von vielen bekannten Persönlichkeiten aus Politik, Literatur und Kirche gehalten. Zeitzeugenschilderungen sind eigentlich das, was man sich von so einer Rede erhofft. Und die wurden in den meisten Fällen auch geboten. Bei Kurt Biedenkopf (*1930) war es etwas anders.

Kurt Biedenkopf hält in Ingolstadt
die "Rede zur Einheit Deutschlands"
Der ehemalige Generalsekretär der CSU, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag und von Oktober 1990 bis April 2002 Ministerpräsident des Freistaates Sachsen hat sich der Zukunft angenommen. Ein schwieriges, wenn nicht gar unmöglich zu beackerndes Feld. Diese Wahl war auch nicht ganz freiwillig, sondern entstammt einem Wunsch des Gastgebers, Ingolstadts Oberbürgermeister Dr. Christian Lösel, wie Biedenkopf mit einem verschmitzten Lächeln dem Auditorium verriet.
So als ob ihm bekannt wäre, dass Lösel ein großer Fan diverser Flugkörper und anderer Visionen ist.

Weil aber Zukunft ohne Gegenwart und Vergangenheit nicht existieren kann, hat der Redner seinen Vortrag naturgemäß mit einem Rückblick begonnen. Nur kurz, aber interessant: „Der Beitritt der DDR zur BRD fand um 1 Uhr nachts, in einer Sitzung der DDR-Volkskammer statt.“ (Genau am 23. August 1990, um 2:47 Uhr.) Ein „kommunistischer Abgeordneter“ fragte nach der Verkündung des Ergebnisses „Wisst Ihr überhaupt, was Ihr da tut?“, und die Antwort war ein mächtiger Applaus. „Finden Menschen aus Ost und West überhaupt zusammen?“, war dann die Frage, die sich Vielen schon bald nach dem Vollzug der Deutschen Einheit stellte. Kurt Biedenkopf sprach die großen Unterschiede der Mentalitäten in den zwei so lange getrennten Landesteilen an. Er erinnerte daran, dass „die Menschen in der DDR von 1933 bis 1989 in zwei Diktaturen lebten“ und plötzlich Probleme im Umgang mit der gewonnenen Freiheit hatten. „Es gab eine Zeit, da wussten die Menschen nicht, was besser war“, sagte der Redner, um gleich darauf hinzuweisen, dass es den Westdeutschen 1945 ähnlich ergangen war. Nur lag das im Jahr der Vereinigung schon lange zurück. Man war in beiden Konstellationen eigentlich gewöhnt, „alles vom Vater Staat zu erwarten“. Und gerade das ist falsch, denn es bedeutet „Preisgabe von Freiheit“.

Eben diese Freiheit müssen wir uns bewahren, um eine Zukunft (die wir natürlich nur erahnen können) richtig zu gestalten. Die drei wichtigsten Faktoren, Kurt Biedenkopf nennt sie Komplexe, die von den kommenden Generationen bewältigt werden müssen sind die demographische Entwicklung in Deutschland, gesellschaftliche Verantwortlichkeiten müssen klar festgelegt werden und eine „neue Ordnung, um die ökologischen Veränderungen zu ertragen“, muss her. Das ist Theorie, weiß auch der Redner, und die Praxis birgt viele Gewohnheitsprobleme. Das Wichtigste liegt wohl in der immer präsenten Erwartung an die Problemlösungskapazität des Staates. Die ist aber begrenzt. Eigeninitiative und Verzicht auf Besitzbestände sind die Herausforderungen der Zukunft. Biedenkopf geht auf jeden seiner Themenkomplexe mit Beispielen ein und schlussfolgert: „Wenn wir die Veränderungen der Zukunft in die eigenen Hände nehmen, ist der Staat unser Gehilfe, aber nicht unser Herrscher.“ Nur so kann das „Ringen um eine neue Ordnung für eine neue Zeit“, wie Pof. Dr. Kurt Biedenkopf seinen Vortrag überschrieben hat, auch gelingen.


Fotos: Anton Potche
Die ganze Rede war ein sachlich, mit vielen nachdenklich stimmenden Nebensätzen vorgetragenes Plädoyer für die Demokratie. Dazu passten die harmonischen Klänge eines Streichquartetts aus Musikern des Georgischen Kammerorchesters. Schrille Töne passen an einem solchen Abend nicht. Die Freude über die Deutsche Einheit sollte im Wohlklang liegen. So, wie die vier Musiker es dem Auditorium vorgemacht haben: mit Divertimento B-Dur, 1. Satz von Wolfgang Amadeus Mozart, dem Kaiserquartett (Deutsche Nationalhymne) von Joseph Haydn und zwei georgischen Miniaturen (Glühwürmchen und Indi Mindi) von Sulchan Zinzadse. Und spätestens, als Zurab Shamugia mit dem Schlusston sein Violocello wie eine Harfe klingen ließ, dürfte jedem Anwesenden klar geworden sein, dass er soeben an einer würdigen Feier eines der erfreulichsten Ereignisse der deutschen Geschichte (wenn nicht des erfreulichtesten) teilgenommen hat.

(Leider, leider gibt es zu diesem Gefühl einen krassen Widerspruch in Ingolstadt. Heute, am Nachmittag des 3. Oktober, haben die Geschäfte in der Innenstadt geöffnet und statt dankbarer, entschleunigender Lebensfreude sowie gepflegtem Geschichtsbewusstsein, wird Konsumrausch zelebriert – eine beschämende Entzauberung unseres nationalen Feiertags.)

Anton Potche

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