Montag, 22. Juli 2019

Was alles passieren kann …

Die Musiker sind angereist, innerlich gestimmt für das anstehende Konzert in der Asamkirche Maria de Victoria in Ingolstadt. Einspielen gehört zum kürzeren oder längeren Vorspiel jedes Konzerts. So auch hier. Die Musiker stimmen ihre Instrumente nach dem Cembalo und merken in Sekundenschnelle das Ungemach: Das Cembalo ist auf 44 Hz gestimmt, um gut einen halben Ton zu hoch für die Barockinstrumente des Ensembles Barockinʼ. Die ersten Konzertbesucher sind bestimmt schon auf dem Weg oder stehen wie so oft bei der OrgelMatinee um Zwölf vor der Kirche und warten auf den Einlass, um einen guten Sitzplatz zu ergattern. Da hilft kein Kopfschütteln und kein „Wie konnte das passieren?“. Das Cembalo kann nicht auf die Schnelle umgestimmt werden. Dazu braucht man einen Fachmann, und das kostet Zeit und Ruhe. Klar, bleibt nur das Umstimmen der Saiteninstrumente. Nur … 

Diese äußerst empfindlichen Barockinstrumente sind ziemlich launenhaft. Sie brauchen ihre Zeit, um sich zu akklimatisieren. Diese Zeit ist aber nicht gegeben. Die ersten Konzertbesucher strömen schon in die Kirche, während von der Empore um den richtigen Klang ringende Töne zweier Barockviolinen, eines Barockvioloncellos, einer Barockviola und nicht zuletzt einer Violone zu vernehmen sind - bis dahin nichts Ungewöhnliches für gestandene Konzertbesucher. Nur …

Der Begrüßungsapplaus setzt ein. Die Musiker steigen herab, durchschreiten das Kirchenschiff und gruppieren sich um das eigenwillige Cello mit seiner vorgegebenen Stimmung. Das Konzert kann beginnen. Antonio Vivaldi (1678 – 1741): Concerto B-Dur für Violine, Violoncello, Streicher und Basso continuo RV 547 steht auf dem Programm. Nur …

Hier stehen Profis mit Leib und Seele unter dem weltberühmten Deckenfresko von Cosmos Damian Asam. Und die wissen, dass von den exotischen, fantastischen und nicht zuletzt  der Bibel entsprungenen Figuren über ihnen auch schon mal ein Augenverdrehen zu erwarten ist, wenn das, was hier emporklingt, nicht einwandfreie Tonkunst ist. Also wird noch einmal eingestimmt. Und dieses Procedere wird dann weiter vor jedem Satz wiederholt. Nur …


Das stört niemand in der wie so oft sehr gut gefüllten Kirche. Denn ob Allegro, Andante oder Allegro molto, dieses Vivaldi-Konzert überzeugt. Die Mühe des Einstimmens lohnt sich. Das gilt auch für die acht folgenden Lieder aus Laudate pueri G-Dur für Sopran, Flöte, Streicher und Basso continuo RV 601. Auch diese liturgische Musik stammt aus der Feder Vivaldis und begeistert das in absoluter Reglosigkeit verharrende Publikum. Wie dahinschwebend dieses Sit nomen Domini, welch eine Gänsehaut produzierendes Ohrwurmthema in A solis ortu, wie perfekt diese Abstimmung der Flöten- mit der Sopranklangfarbe und, und, und. Nur …
Fotos: Anton Potche

Hätte der Musiker an der Violone (das ist heute der Kontrabass) nicht bei Konzertbeginn auf das Ungemach mit der Stimmung der Instrumente hingewiesen, hätte das auch niemand bis zum letzten Ton erkannt. So verlassen die Zuhörer den kirchlichen Konzertsaal mit dem Bewusstsein, einem musikalisch in allen Fassetten hochklassigen und auch spannenden Konzert beigewohnt zu haben. Und so mancher wird sich, zu Hause angekommen, vielleicht noch einmal die Biografien der im Programmheft dieser Konzertreihe veröffentlichten Vitas der Protagonisten dieser hervorragenden Musikdarbietung zu Gemüte führen: Felix Stross (Barockvioloncello), Marina Momeny (Barockvioline), Veronika Stross (Barockviola), Günter Holzhausen (Violone), Kozue Sato (Flauto Traverso), Tomomi Arakawa (Cembalo) und die begeisternde Beate Hariades (Sopran); die zweite Barockvioline wurde von einer Gastmusikerin gespielt. Und sie, die interessierten Musikfreunde, werden sich nach der Lektüre, erklären können, warum eine gediegenen Ausbildung, Talent  und Einsatzfreude, aber auch viel Nervenstärke zusammengehören, um ein solches Konzert zu gestalten.

So geschehen in den Mittagsstunden des 21. Juli 2019.

Anton Potche

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