Mittwoch, 18. März 2020

Suche nach der Moral


Walter Scott: Ivanhoe; Verlag Rütten & Loening, Berlin (DDR), 1972 (dritte Auflage); Bestell-Nr. 6179085; 630 Seiten (aus dem Englischen übersetzt von Christine Hoeppener mit einem Nachwort von Klaus Udo Szandra und mit Anmerkungen); (im Internet gibt es viele Angebote)

Wie sich die Zeiten ändern. Um 1800 galt die Prosaliteratur noch als zweitklassig, ja sogar als unseriös – zumindest im englischen Sprachraum. Die Poesie galt als Ausdruck gehobener Kultur. Wenn heute ein Dichter – ich meine einen eingleisig fahrenden Lyriker – für seine Werke einen bekannten Literaturpreis bekommt, ist das fast schon eine Sensation. Die Prosa ist das dominierende Genre.

Auf der Insel begann die Prosa ihren Siegeszug im 19. Jahrhundert. Einer, der ihr zum Durchbruch verhalf, war Walter Scott (1771 – 1832). Seine historischen Romane fanden und finden bis heute ein breites Publikum nicht nur unter den Lesern, sondern auch unter den Filmliebhabern. Einige sehen in Walter Scott sogar den Begründer dieser Literaturgattung in der englischen Sprache. Der Schotte schrieb bis zu seinem 56. Lebensjahr, also fast sein ganzes Leben lang, unter Pseudonym.

Auch Ivenhoe, sein bekanntester Roman, stammt aus der Feder des The Wizard of the North, in dem schon damals viele Kenner der Szene Walter Scott vermuteten. Die Handlung dieses umfassenden Romans ist im 12. Jahrhundert in England angesiedelt. Damit verließ Scott zum ersten Mal thematisch seine nähere Heimat Schottland – abgesehen von seinen Übersetzungen aus dem Deutschen (Gottfried August Bürger, Johann Wolfgang Goethe u. a.) - und begab sich in die Geschichte Englands.

Ivenhoe ist 1819 in Edinburgh erschienen. Bei Wikipedia fand ich 17 Übersetzungen ins Deutsche. Die erste stammt von Karl Ludwig Methusalem Müller und ist bereits 1821 in Leipzig erschienen. Für die letzte zeichnet Sonja Ehrnstorfer. Sie wurde 1993 in Wien aufgelegt. Die Ausgabe, die ich jetzt gelesen habe, ist eine Übersetzung von Christine Hoeppener, erschienen in der bekannten DDR-Reihe BDW (Bibliothek der Weltliteratur) als dritte Auflage im Verlag Rütten & Loening, Berlin 1972, erste Auflage 1968. (In der oben erwähnten Wikipedia-Liste gibt es auch eine Hoeppener-Übersetzung aus dem Jahre 1957.) Mein Exemplar trägt auf der letzten Seite den Stempel Anticariat Timișoara, Lei 30. Der Stoff wurde öfter verfilmt, 1952 mit drei Oscar-Nominierungen, und diente auch als Vorlage für zwei Fernsehserien, 1958 mit Roger Moore in der Titelrolle.

Ich hatte mir dieses Mal Kleingedrucktes im wahrsten Sinne des Wortes vorgenommen. Und es hat sich gelohnt, auch wenn ich manchmal zu später Abend- oder früher Nachtstunde zur Leselupe greifen musste. Unter der Lupe tauchte eine zeitlich und damals auch geografisch ferne Welt auf, die von ritterlichen Tugenden, aber auch von grenzenlosem Machtmissbrauch im dunklen Mittelalter geprägt war. Die Normannen beherrschten England. Die Angelsachsen hatten im eigenen Land nichts zu sagen. Walter Scott schickt dann auch nicht die Repräsentanten des angelsächsischen Adels in den Kampf um die eigene Würde und Freiheit der Heimat wie etwa Cedric von Rotherwood, sondern lässt vordergründig „Gurth, Sohn Beonwulphs , […] durch Geburt Leibeigener Cedrics von Rotherwood“ und seinen Kumpel „Wamba, Sohn des Wittless, […] Leibeigener Cedrics von Rotherwood“ handeln, mit viel Bauernschläue, wie das einem Vertreter des Volkes auch gut zu Gesicht steht.

Die große Politik ist trotz ausgiebiger Schilderung eines Ritterturniers gar nicht vorhanden. Sie steckt zwar aus heutiger Sicht den geschichtlichen Rahmen ab, ihre Protagonisten verbergen sich aber hinter ihren Rüstungen und streifen zum Teil sogar als heimgekehrte Kreuzfahrer inkognito durch die Wälder Englands, um so die romantaugliche Symbiose zwischen fremdbestimmter Herrscherklasse und Freibeutern entstehen zu lassen.

Dass dann ein Wilfred von Ivenhoe, verstoßener Sohn Cedrics, und der Yeomen (das ist ein Gemeinfreier unterhalb des Ritterstandes) Locksley gemeinsame Sache machen, ist der angelsächsischen Volkszugehörigkeit zu verdanken, wenn dann aber noch ein Schwarzer Ritter, der bis spät in der Handlung des Romans unerkannt bleibt, in das Geschehen eingreift, dann wird die Komplexität des von Scott geschaffenen Historieneposʼ greifbar. Denn man muss wissen, dass die herrschenden Normannen sich keineswegs grün untereinander waren. Englands König Richard I., auch Richard Löwenherz, Richard Plantagenet oder Richard von England genannt, befand sich auf Kreuzzugsmission im Orient (oder auf dem Heimweg von dort) und sein Bruder Johann intrigierte eifrig in den heimischen Gefilden gegen seinen abwesenden Bruder. Damit wäre dann auch der politische Rahmen gesteckt und die Handlungsebenen klarer erkennbar: Normannen gegen Normannen (Richard gegen Johann) und Angelsachsen gegen Normannen.

In dieser Gemengelage ziehen die Einzelschicksale ihre unsichtbaren Fäden, bis ein knisterndes Geflecht aus Liebesbeziehungen (erfüllten und unerfüllten), Burgbelagerungen, ja sogar aus einer Auferstehung vom (vermeintlichen) Tode und vielem mehr entsteht. In diesem Geflecht spielt der Jude Isaac von York mit seinem Reichtum und seiner heilkundigen und bezaubernden Tochter Rebecca eine gewichtige Rolle. Vor allem wirft Walter Scott anhand dieser zwei Personen ein grelles Licht auf den immerwährenden Judenhass seit Anbeginn der Geschichte. Während die Antipathien zwischen den gegnerischen Lagern entlang klarer Linien verlaufen, verschmilzt deren Parallelität zu einem einzigen Pfeil. Und der fliegt immer, ganz gleich von welcher Sehne kommend, auf den bemitleidenswerten Isaac. Ich habe mir das eine und andere Mal beim Lesen gesagt, das könnte auch von einem Nazipropagandisten geschrieben sein.

Das führt wiederum dazu, dass man als empathisch beteiligter Leser Partei ergreift und sich (wie ich) schnell wünscht, mögen dieses jüdische Mädchen und der abendländische Prinz doch zusammenfinden. Rebecca und Ivenhoe? Wer den Roman bis zur letzten Seite liest, wird es erfahren. Und er wird noch die eine und andere Begegnung mit Personen aus der englischen Sagenwelt haben, denn es heißt im vierzigsten Kapitel öfter Mal, ich bin der und der.

Wenn sich dann alle Visiere gehoben haben und die Identitäten (real oder fiktional) geklärt sind, wechselt Walter Scott plötzlich den Ton. Der Romacier scheint dem Historiker zumindest für das letzte Kapitel, dem vierundvierzigsten, den Vortritt gewährt zu haben: „Doch erst unter der Regierung Eduards III. wurde die gemischte Sprache, die man jetzt die englische nannte, am Hofe von London gesprochen, und damit schienen nun alle feindseligen Unterschiede zwischen Normannen und Angelsachsen verschwunden zu sein.

Hoffentlich tauchen sie nach dem Brexit nicht wieder auf. Jedes Kapitel dieses Buches steht unter einem Motto. Das letzte lautet: „So! Hier endet es gleich einem Ammenmärchen.“ (John Webster , um 1579 bis 1634). Natürlich ist mir klar, dass nach dem letzten Satz, der ein Gedicht ist, die Fiktion beendet ist: „Sein Schicksal endete an fremdem Strand, / Vor winzʼger Festung – durch geringe Hand! / Ein Name blieb, vor dem erblaßtʼ die Welt, / Moral zu weisen durch der Sage Held.“

Es ist auf jeden Fall lohnend, nach der Moral der Heldensage Ivenhoe zu suchen. Wer das tut, verschwendet keine Zeit.

Anton Potche

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