Montag, 23. März 2020

Eine unbekannte lokale Epidemie


Die Pandemie hat uns voll im Griff. Das Coronavirus SARS-CoV-2 wütet weltweit und droht alle Lebensbereiche zu infizieren, nicht nur menschliche Lungen. Und das in einer Zeit, in der die Medizin und die ihr zuarbeitenden Wissenschaften auf einem sehr fortgeschrittenen Niveau sind. Unser täglicher Informationsbedarf wird weniger von Nachrichtensprechern als mehr von Virologen befriedigt. Das führt dazu, dass wir zumindest verstehen können, was hier mit uns passiert. Wie muss eine solche Katastrophe aber auf Menschen gewirkt haben, die in einer Zeit lebten, als Medizin noch in den Kinderschuhen stak und keine Wissenschaftler Verhaltensanweisungen zum Eindämmen der grassierenden Seuche über das Fernsehen und andere Medien geben konnten?

Es gibt viele alte Schriften und auch schöngeistige Literatur – in Frankreich soll die Nachfrage nach Albert Camus Roman Die Pest hochgeschnellt sein –, die Einblicke in Seuchensituationen gewähren. Ich habe im Sinne dieser Gedanken nach einem Büchlein aus dem Jahre 1913 gegriffen. Der banatschwäbische Pfarrer Franz Demele schildert in der Ortsmonographie Temesgyarmat – Ein Beitrag zur Geschichte der Entstehung und Entwicklung dieser Gemeinde und Pfarre den Ausbruch einer Epidemie im Dorf, deren wissenschaftliche Erklärung bis heute auf unsicheren Füßen steht - virologisch, mikrobiologisch, epidemiologisch. Das Dorf Temesgyarmat (oder einfach Gyarmath) liegt im rumänischen Banat, unweit von Temeswar, und war bis zur Auswanderung der Deutschen aus Rumänien (in der Zeitspanne 1975 bis 1995) unter dem Namen Jahrmarkt bekannt. Heute findet man die Ortschaft als Giarmata auf der Landkarte. Das Dorf hat eine spannende und gleichsam dramatische Ansiedlungsgeschichte mit deutschen Siedlern. Die folgende Abschrift aus Demeles Büchlein behandelt einen Aspekt jener Zeit.

In den Sommermonaten des Jahres 1769 war ein großer Transport der Ansiedler in Gyarmath eingezogen. Deren größter Teil waren Luxemburger. Dieses kleine Herzogtum allein hatte an 100 Familien an Gyarmath abgegeben. Selbstverständlich waren es überwiegend Menschen im blühendsten Alter, zumeist junge, kräftige Leute mit 20 – 30 Jahren. […] Schon im Herbst und Winter aber kamen einzelne Erkrankungen vor: Darmkatarrhe, Diarrhöen, manchmal bis zur Ruhr gesteigert. Man betrachtete dies jedoch nicht als etwas Auffälliges. […] Das dauerte so still und unauffällig den ganzen Winter und auch den Frühling 1770 hindurch fort. […]
Pfarrer Josef Wohlfahrt, welcher im Juli 1769 von Schöndorf an Stelle des hier verstorbenen Pfarrers Grimer nach Gyarmath kommt und mit den Ansiedlern viel Mühe und Plage hatte, geht 1770 zu Beginn der Sommerarbeit, wo es im Dorfe still zu sein pflegt, zum Besuche seiner greisen Eltern und der Franziskaner-Kaplan Ignaz Hubert bleibt allein. Seine Arbeit wird immer mehr und massenhafter. Er wird täglich öfter, häufig zur Nachtzeit, zu Kranken gerufen, es sind jeden Tag 3 – 4 Begräbnisse. Er gewahrt in jedem Hause dieselben Krankheitserscheinungen. Die Kranken klagen allgemein, sie hätten das „ungarische Fieber“. Sie fühlen sich matt, Hände und Füße sind schwer, das Gemüt ist krank, sie sind gleichgültig und teilnahmslos gegen alles, bald fangen sie an in Fieberhitze zu glühen, verlieren die Besinnung, stumpf und bewußtlos, nur nach Wasser schmachtend, liegen sie auf ihren ärmlichen Lagern und siechen dem Tode entgegen. Und wo in den unvollendeten Häusern auch mehrere Familien zusammengepfercht, gestern nur ein Kranker lag, dort ächzen heute schon 3 – 4 Familienangehörige, morgen liegt schon das ganze Haus voll unbehilflicher und nach Wasser stöhnenden Menschen. Nur die Säuglinge und Greise scheint das Übel zu meiden. Jene aber reibt der Mangel an Pflege auf, diese brechen unter der Krankenpflege der Hausleute zusammen. Kaplan Hubert verständigt die Behörden und ruft in einem Eilbrief den Pfarrer nach Hause. Dieser findet die Gemeinde in ganz anderem Zustande, als er sie verlassen. Die ganze Gemeinde hindurch, fast Haus für Haus Kranke, als ob da ein großes Spital wäre! „Das Grab der Deutschen“, das Banat mit seinem giftigen Klima räumt schrecklich auf unter den durch Strapazen geschwächten und entkräfteten Ansiedlern, es sind Mitte Juli 1770 alltäglich 5 – 6 Begräbnisse, im August steigt ihre Zahl auf 6 – 8 täglich und im September erreichen dieselben den Höhepunkt: es sind jeden Tag 10 – 13 Begräbnisse! Überall Kranke und Stöhnende, niemand zur Pflege, Pfarrer und Kaplan sind unablässig auf den Füßen, doch was vermögen sie und die hierher gesandten Militärärzte? Sie können unter den gegebenen Verhältnissen dem Übel, einem typhösen Fieber, nicht steuern, von den kaum errichteten neuen Holzhäusern wird eines nach dem anderen wieder leer und verlassen! Am ärgsten herrscht das Übel unter den Luxemburgern, diese große Menge stirbt allmählich fast gänzlich aus. […] Verzweifelt schreibt Pfarrer Wohlfahrt auf das Vorblatt des damaligen Sterbeprotokolles die Worte: „Im Juli 1770 ist unter den neueingewanderten Ansiedlern das große Sterben ausgebrochen. Der Friedhof ist voll. Was soll aus der Gemeinde werden!?“ Ja, der Friedhof um den alten Kirchplatz war voll geworden. Er war bisher gewohnt, jährlich 10 – 15 Menschenkindern Raum zu geben und jetzt brachte man jeden einzelnen Tag soviel dahin. Er mußte sich füllen und man war gezwungen, weiter Flächen in der heutigen Altgasse gegen die heutige Schule und die gegenwärtige Doktorswohnung hin, dazuzunehmen und auch diese füllten sich bald. Im November endlich beginnt die Epidemie etwas gelinder zu werden, doch dauert die Sterblichkeit auch noch kommendes Jahr weiter: von Mitte des Jahres 1770 bis zur Mitte des Jahres 1771 wurden in Gyarmath 555 Menschen beerdigt und wie viele siechten noch später an den Nachfolgen der Krankheit dahin, ohne sich je mehr erholen zu können! Die Seelenzahl der Gemeinde, welche durch den Zufluß von Auswanderern schon damals über 2500 hätte, sank bald wieder auf 1500 hinab und konnte erst im Jahre 1805 das zweite Tausend überschreiten.“

Die Variante des „ungarischen Fiebers“ wurde auch von Autoren nachfolgender lokalgeschichtlicher Werke übernommen. Dass man unter den Siedlern vom „ungarischen Fieber“, heute auch als „ungarische Krankheit“ oder wissenschaftlich als „morbus hungaricus“ bezeichnet, sprach, ist dahingehend nachvollziehbar, als dass diese Krankheit schon seit 1566 auch im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bekannt war. Damals brach eine bis dahin unbekannte Seuche in einem Militärlager bei Komorn in der von Sümpfen durchzogenen nordungarischen Tiefebene aus. Schon zu Zeiten Maximilians II. war der Spruch Ungerland ist der Teutschen Kirchhof“ bekannt.

Ich bin mir sicher, Prof. Christian Drosten würde mit seinem Team auch heute noch anhand geschichtlicher Berichte herausfinden (natürlich mit den entsprechenden Korrekturfaktoren), an welcher Krankheit meine Vorfahren in Jahrmarkt vor 250 Jahren gestorben sind. (War es vielleicht doch nur Typhus oder etwas ganz anderes?) Aber dazu wird er zurzeit leider keine Zeit haben. Denn seine Kraft benötigt er, wie viele seiner Kollegen auch, nicht nur zur Forschung und Aufklärung, sondern auch zum Einbremsen der jeder Vernunft abholden Coronapartyfans. Wenn es überhaupt irgendetwas Beruhigendes an der jetzigen Situation gibt, dann ist es das Vertrauen unserer Politiker in die Wissenschaft. Wir wissen ja, dass es auch anders laufen kann. Siehe China, Amerika, Iran und wahrscheinlich bald Russland. Als einer, der fast die Hälfte seines Lebens in einem totalitären Staat gelebt hat, weiß ich natürlich sehr wohl, zu was Verharmlosung & Vertuschung & Verfälschung führen kann.

Anton Potche

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