Montag, 20. April 2020

Den Faden nicht verlieren


Heidrun Hamersky, Ilse Hehn, Wolfgang Schlott (Hg.): „Die Sehnsucht, die ist mir so leicht“ - Schreiben im Exil; POP-Verlag, Ludwigsburg, 2016; 282 Seiten; ISBN 978-3-86356-131-4; 19,90 € [D], 20,50 € [A]

„Wie ein entfesselter Strom ergießt sich seit einigen Jahren ein Chaos von Büchern über die Köpfe der erschrockenen, verschüchterten, hilflosen Zeitgenossen. Es wimmelt von neuen Namen und geschraubten Titeln.“ Das ist kein Zitat aus einem Feuilleton von heute oder gestern. Es ist gut 104 Jahre alt und entstammt einer Nummer der Wiener Zeitschrift DIE FACKEL. Aktuell ist es aber nach wie vor. Und es schreckt Gerneleser auch heute nicht ab, sich immer wieder in dieses „Chaos von Büchern“ zu stürzen. Ob mit oder ohne geistigen Gewinn ist sowohl „von [den] neuen Namen und geschraubten Titeln“ als auch von jedem Leser selber abhängig.

Mein kleines, aber langsam unüberschaubar werdendes Bücherchaos hat kürzlich eine Bereicherung erfahren. Die Sehnsucht, die ist mir so leicht – Schreiben im Exil heißt die Anthologie, die jetzt, nachdem ich sie gelesen habe, irgendwo in diesem Chaos verschwinden wird – doch ohne aus mir einen „erschrockenen, verschüchterten, hilflosen Zeitgenossen“ zu machen. Und auch nicht, um auf (meine) Lebzeiten dort zu verschwinden. Das Haus verliert nichts, weiß der Volksmund. Und ein nicht verlorenes Buch behält die Chance, irgendwann mal wieder in die Hand genommen zu werden. Das gilt verstärkt für Anthologien, die sich doch so schön zum Schmökern eignen.

Dass an dem Titel und besonders dem Nomen „Exil“ herumgeschraubt wurde, war mir schon klar, als ich das Inhaltsverzeichnis überflog und unter den vielen neuen Namen auch altbekannte antraf. Und die alle sollen Exilanten sein, also von den Umständen gezwungen hier in Deutschland leben und sich literarisch betätigen?

Exil, lehrt mich der Duden, kommt von dem lateinischen exilium. Ex(s)ul heißt „in der Fremde weilend, verbannt; Verbannter“. Und wahrlich, man findet in dieser Anthologie Namen wie Shahla Aghapour aus Teheren, Ali Akondoh aus Togo, Karel Kukal-Beyeler (1927 – 2016) aus der Tschechoslowakei oder Helîm Yûsiv aus Syrien. Dazu kommen noch Autoren aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, Polen und dem Balkan, die den Status eines Exilanten für sich in Anspruch nehmen. Sie alle sind Mitglieder im „Exil-P.E.N. deutschsprachiger Länder“. (Gemeint sind Autoren, die in deutschsprachigen Ländern im Exil leben.) Und sie alle, darf man annehmen, wurden in ihren Ländern verfolgt oder gar von dort „verbannt“. Sie „weilen“ also „in der Fremde“ wie weiland der große Römer Ovid.

Aber die vielen Rumäniendeutschen oder deutsch schreibende Rumänen, die diese Anthologie bevölkern? Von 50 Autoren dieses Buches kommen immerhin 18 aus Rumänien. Wie viele von ihnen „verbannt“ wurden und jetzt mit gebrochenem Herzen in Deutschland leben müssen (natürlich sehnsüchtig einer Rückkehr in die geliebte Heimat harrend) oder wie viele ihren Obolus entrichtet haben, um in das ökonomisch prosperierende Deutschland zu gelangen, ist den Kurzvitas nicht zu entnehmen. Unangefochten muss angesichts dieser offenen Fragen aber bleiben, dass ein Mitglied eines Exilvereins sich wahrscheinlich auch als Exilant fühlen wird. Also tut man als Leser gut daran, die hier versammelten Autoren auch als solche zu betrachten, sonst könnte man versucht sein, sich Zweifel ob des wahren Status des ein oder anderen Exil-P.E.N.-Literaten hinzugeben.

Also lassen wir stellvertretend einige Texte sprechen. Lyrik, Prosa und Schwarzweißreproduktionen von gemalten Bildern, für die Shahla Agapour und Ilse Hehn signiert haben, füllen diese Blumenlese.

Die Autorinnen und Autoren gewähren uns Einblick in ihr Seelenleben (besonders in den Gedichten), in ihre alte Heimat und in ihre Anpassungsmühen im „Exil“. Ab und zu wird man beim Lesen auch an selbst Erlebtes erinnert. Hans Bergels Sage Die drei Tode des Prinzen führte mir den Busfahrer in den Ostkarpaten vor Augen, der den Touristen ähnliche Geschichten erzählte. Lang, lang istʼs her.

Henrike Brădiceanu-Persem schreibt über Die nackte Angst. Traum und Wahn, das ist keine gute Symbiose. Wolfgang Davids Reisereportage Malta-Erfahrungen endet eigentlich zurück in Berlin und der Autor bekommt auf seine Frage, ob der Bus an einer gewissen Straße halte, die Antwort: „Wieso? Seh ick so aus?“

Dagmar Dusils Prager Variationen sind Liebeserklärungen an „Stein gewordene Erinnerungen“. Muss man vertrieben, verschleppt oder gar Abkömmling von Ermordeten sein, um einen Ort als Tourist so intensiv erleben zu können? Anscheinend ja. Ich bemühe mich auch immer um Empathie für meine (freiwillig!) verlassene Heimat. Aber irgendwie will es mir nicht so richtig gelingen.

Das kafkaeske Element wird nie mehr aus der Literatur verschwinden. Vadim Fadins Geschichte mit glücklichem Ende ist so ein Beweis dafür. Skurril, grotesk. Von Ilse Tschörtner stammt die Übersetzung dieses Textes aus dem Russischen.

Steliana Huhulescu hat einen Brief an Adrian verfasst. So sehen Rechtfertigungsschriften aus. Die Form, hier ein Brief, ist unerheblich. Ihre Inhalte transportieren in der Regel Hilflosigkeit.

Einen Auszug aus einer umfangreicheren Erzählung mit dem Titel Sehnsuchtsstreifen hat Katharina Kilzer zu dieser Anthologie beigesteuert. Eine Fluchtgeschichte, deren Ausgang wir hier nicht erfahren. Sie spielt an der rumänisch-jugoslawischen Grenze. Besonders Banater Schwaben werden ihr viel abgewinnen können. So oder so ähnlich haben es viele von ihnen selbst erlebt.

Und so arbeitet man sich von Prosastück zu Prosastück und von Gedicht zu Gedicht vorwärts. Eine interessante Idee, einige der Gedichte in Originalschrift (arabisch, kyrillisch) abzudrucken und seitenparallel die deutsche Übersetzung. Poesie kann auch etwas für das Auge sein.

Diese Blumenlese ähnelt doch sehr der Zeitschrift MATRIX, die auch vom POP-Verlag in Ludwigsburg herausgebracht wird. Die Unterbringung von so vielen Autoren, war eigentlich nur möglich, weil man keine langen Texte aufgenommen hat. Für viele Leser gilt sowieso: In der Kürze liegt die Würze. Du kannst beim Lesen kaum den Faden verlieren.

Anton Potche

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