Mittwoch, 16. Dezember 2020

Opfer und Täter in der Kriegszeit

Eine Suche nach Jahrmarkter Schwerpunkten

Die Schriften über die Gemeinde Jahrmarkt im Banat / Rumänien und seine einst deutsche Bevölkerung sind ziemlich spärlich. Hie und da eine Erwähnung und zwei dünne Büchlein von Pfarrer Franz Demele sowie aufschlussreiche Beiträge von Luzian Geier und Franz Junginger im Ortssippenbuch der katholischen Pfarrgemeinde Jahrmarkt (Ulm, 2008) – das war‘s dann auch schon bis zum ersten Weltkrieg. Man hätte eigentlich erwarten können, dass für die Zeit danach mehr Lesematerial zur Verfügung stehen würde. Dem ist aber bei weitem nicht so. Die Jahrmarkter haben keine detaillierte Ortsmonographie – vollmundige Ankündigungen gab es schon in den 1980er Jahren -, dafür aber einige Bücherveröffentlichungen ohne wissenschaftlichen Anspruch. Umso deutlicher hat man aufs Originelle gesetzt, was natürlich mehr dem Unterhaltungswert als der fundierten Information dient. Bei der sich stetig verkleinernden Zahl von ehemaligen Jahrmarktern ist das eigentlich eine verständliche Veröffentlichungsstrategie der Heimatortsgemeinschaft Jahrmarkt. Auf der Strecke bleiben dabei Informationen, die über das Innenleben einer Dorfgemeinschaft – deren Existenz man zeitlich genau eingrenzen kann - mit all seinen Konflikten Auskunft geben könnten.

Schließlich und endlich handelt es sich um eine Gemeinschaft deutscher Menschen. Als solche waren sie auch den politischen und ideologischen Einflüssen der Nazipropaganda ausgesetzt. Unsere – ich denke an die Generation der jetzt 50-, 60- und 70-Jährigen – Väter waren damals im Kinder- und Jugendalter, aber unsere Großväter, die in den Krieg mussten oder freiwillig gingen, hatten bestimmt eine Meinung zu den Geschehnissen in der Welt und in ihrem Dorf. Konfliktpotenzial gab es genug. Aber man sprach nach dem Krieg nur sehr verhalten, ja manchmal flüsternd, darüber. Und schriftliche Aufzeichnungen gibt es auch aus jener Zeit so gut wie keine. Das ist der Weg in ein geschichtliches Nichts, das der eine in seiner Familiengeschichte vergeblich sucht, während der andere es gar nicht finden will. Zudem muss man festhalten, dass es in Rumänien nach dem Krieg sehr schwierig war, an Archivbestände heranzukommen, um die Dorf-Aufarbeitung jener finsteren Zeit (von der viele – auch Verwandte von mir – bis in die heutige Zeit schwärmten) in Angriff zu nehmen. 

Das führte dazu, dass die mir bekannten Bücher – allesamt in Deutschland verfasst – ein eventuelles Kapitel „Kriegszeit in Jahrmarkt“ (Franz Demele hat dem Thema nach dem Ersten Weltkrieg noch sein zweites Buch gewidmet) nicht enthalten. Immerhin gibt es in dem 1983 von der HOG Jahrmarkt herausgebrachten Erinnerungsbuch (mehr Foto-als Textmaterial) Jahrmarkt im Banat das Kapitel Kriege und Deportation, in dem der Hinweis zu lesen ist, dass die „einige Hundert Jahrmarkter“, die sich im Mai 1943 für die deutschen Heeresverbände mustern ließen, dies „teils mit Begeisterung, teils mit gemischten Gefühlen, teils auch widerstrebend“ taten. Oder im Jahrmarkter Heimatblatt Deportation 1945 findet man zur gleichen Thematik den Satz: „Auf >Verweigerer< übte die Volksgruppenführung einen in den meisten Fällen wirksamen Druck aus.“ Diese Andeutungen lassen die Vermutung zu, dass es in jener Zeit auch in Jahrmarkt nicht immer harmonisch zuging. 

Und das dem wirklich auch so war, kann man im 2017 von Dușan Baiski, ein im Banat lebender serbischer Schriftsteller und Publizist (schreibt rumänisch), herausgebrachten monographischen Werk nachlesen. Der Autor hat den oft mühseligen Weg in die Archive nicht gescheut und so manches Licht ins Dunkel der Banater Geschichte zur Zeit des Zweiten Weltkrieges gebracht. Er erläutert im Vorwort, dass er mit dieser Arbeit, Război în Banat - Studii monografice (Krieg im Banat – Monographische Studien), eine „Freske der Kriegszeit“ malen wollte, um „den Lesern ein Bruchstück (crâmpeie) der Atmosphäre aufzuzeigen, in der die Banater damals gelebt haben – also auch die Banater Schwaben“. Dass dann vorwiegend die Deutschen Eingang in das 348 Seiten umfassende Buch gefunden haben, ist der Tatsache zu verdanken, dass die Ordner und Kladden im Archiv der Kreisdirektion Timiș der Nationalarchive (Diresția Județeană Timiș a Arhivelor Naționale), die der Autor durchforstet hat, relativ wenige Informationen zu anderen im Banat lebenden Nationalitäten enthalten.

Den Historikern und Heimatforschern der Banater Schwaben kann es nur Recht sein. Ich habe mich auf den Weg nach Hinweisen auf Jahrmarkt in diesem Buch gemacht und wurde auch fündig. Dușan Baiski zitiert reichlich aus den von ihm gesichteten Dokumenten und verschafft uns dadurch die Möglichkeit, zu erfahren, wie die rumänischen Behörden die Banater Schwaben damals gesehen haben – auch die in Jahrmarkt.

Seite 44: Der Chef der Gendarmarie in Ghiroda meldete am 22. April 1942 seinem Vorgesetzten, dass ein Bäcker aus Giarmata (Jahrmarkt) in Ghiroda große mengen Brot verkauft. Auch „verkauft er Weißmehl zu 30, 40 und 50 Lei/kg an verschiedene Vertrauenspersonen, die damit in Timișoara handeln und es nicht zum Eigenbedarf verwenden.” Informanten haben auch mitgeteilt, dass „dieser Bäcker das Mehl von der Mühle im Dorf klandestin besorgt.“ Feldwebel (plutonier) Petre Zaharia, der Leiter der Gendarmeriestation in Giarmata nimmt am 15. Mai 1942 Stellung zu diesen Anschuldigungen: „Der Bäcker Britt Viliam*, der nach unseren Informationen sein Mehl in kleinen Mengen von Mühlen aus der Umgebung von Giarmata bezieht, siebt es, und wir vermuten, dass er Brot von zweierlei Qualität backt. Wir konnten nicht feststellen, dass er Weißbrot oder hochwertiges Mehl verkauft.“ - Ein ehrbarer Kaufmann macht so etwas auch nicht, besonders in Kriegszeiten.

Seite 61: Am 21. Mai 1943 hielt der Unteroffizier N. Duma in einem Protokoll fest: „Am 19. und 20. Mai fand in Giarmata die Rekrutierung der Schwaben statt. Bei dieser Rekrutierung, die mit viel Propaganda und Drohungen seitens der schwäbischen Organisationen stattfand, haben die für diesen Zweck vorgesehenen Schwaben teilgenommen. Der Einwohner Richert Mihai, kürzlich zurückgekehrt nach einem 20 Monate langen Aufenthalt an der Front, wurde, nachdem er sich nicht am 19. bei der Rekrutierung gemeldet hatte, am 20. mit Gewalt vor die Rekrutierungskommission gebracht und von Professor Kindel aus Timișoara geschlagen, und abends hat eine Gruppe von Jugendlichen, angeführt von dem Individuum Pfeifel Mihai, ausgerüstet mit Stöcken vier Fenster an der Gassenfront seines Hauses eingeschlagen, einen Schaden von 25.000 Lei anrichtend. Am 20. Mai (wahrscheinlich 21. - A.d.V.) ging der Bewohner, nach den kassierten Prügeln, dem verursachten Sachschaden an seinem Haus und nach den Morddrohungen selber zur deutschen Volksgemeinschaft in Timișoara und beantragte seine freiwillige Rekrutierung in die deutsche Armee. Von uns und vom Gendarmeriechef von Giarmata befragt, verweigerte er aus Angst die Aussage zu diesen Vorfällen und verzichtete auf jeden Schadenersatz.“ - Es war schon immer ungemütlich, wo braune Horden unterwegs waren, sogar im altehrwürdigen Jahrmarkt.

Seite 85: In einer Tabelle der Gendarmerielegion Timiș-Torontal (Legiune de Jandarm Timiș-Torontal) ist die Anzahl der Banater Schwaben, die am 31. Juli 1943 Rumänien schon in Richtung „Reichsarmee“ (armata Reich-ului) „freiwillig“ verlassen hatten, festgehalten. Für Giarmata sind folgende Daten vermerkt: „Einwohnerzahl bei der Volkszählung vom 6. April 1941“ - 5.210 Einwohner (diese Rubrik wurde vom Autor des Buches der Statistik beigefügt) und „Bis zum 31. Juli 1943 rekrutierte und bereits abgereiste Personen“ - 530. Auch Überland taucht mit 47 rekrutierten Soldaten (ohne angegebene Einwohnerzahl) in der Liste auf.

Seite 116: Schon am 31. August 1942 hat der Chef des Gendarmeriepostens in Giarmata einen etwas unklaren Brief an das Militärtribunal in Timișoara geschrieben. Darin wird berichtet, dass der Deserteur Albingher Filip in seinem Haus in Giarmata gefasst wurde. Er befand sich in einem Versteck unter dem Fußboden, das mit einer gut getarnten Öffnung von 60 x 35 cm versehen war. Nur nachdem „jedes Brett im Fußboden mit einem harten Gegenstand“ abgeklopft wurde, konnte der Hohlraum unter dem Fußboden entdeckt werden. Weiter schreibt der Gendarmeriechef in seinem Bericht, dass „Albingher Filip (Albinger) 22 Monate Deserteur war, davon die ersten 10 Monate in Jugoslawien, wohin er illegal geflüchtet war und bei der Einheit >Todt< arbeitete. Den Beginn des Krieges erlebte er bei der Deutschen Mission aus Rumänien (Misiunea Germană din România) – in Constanța oder Arad. Am 18. Oktober 1940 hatte er von seiner Einheit 15 Tage Urlaub bekommen, aus dem er nicht zu seiner Einheit zurückgekehrt war, sondern es vorgezogen hatte, sich bei der Deutschen Mission zu melden.“ - Eine nebulöse Geschichte, die mir in etwa sagt, dass der Jahrmarkter Abenteurer zuerst aus der rumänischen Armee desertiert ist, um bei den Deutschen unterzukommen, bei denen er es aber auch nicht lange aushielt. In Jahrmarkt fühlte er sich anscheinend doch am sichersten.

Ähnliche Zustände wie in Jahrmarkt gab es in jenen Jahren natürlich auch in anderen Dörfern und Städten des Banats, und nicht nur mit überwiegend deutscher Bevölkerung. Es gäbe viel, sehr viel darüber zu berichten, weiß Dușan Baiski, aber die Möglichkeiten dazu sind begrenzt, und er scheut sich auch nicht, die Gründe dafür zu benennen: „Leider ist die Zeit die mir noch geblieben ist begrenzt, aber besonders das mangelnde Interesse des rumänischen Staates an der eigenen Vergangenheit – daher rührt auch die fehlende Unterstützung für die Historiker – nehmen uns die Freude an weiteren Forschungen. Die mehr als 120.000 Fotokopien von Dokumenten aus dem Bestand des Temescher Nationalarchivs, die ich in mehr als 10 Jahren machen konnte, würden, auch wenn nicht alle einen geschichtlichen Wert haben, Material für viele Bücher hergeben, bleiben so aber leider nur Teil einer Privatsammlung.“

Also, wer noch im Sinn hat, die Ortsmonographie (oder Ergänzung einer solchen) eines einstmals deutschen Dorfes im Banat zu schreiben, hätte hiermit eine Anlaufstelle. Und er würde feststellen, dass der „Zeitbruch“ von dem der Soziologe Anton Sterbling auf einer Kulturtagung der Landsmannschaft der Banater Schwaben (2015 in Sindelfingen) sprach, schon vor 1944/45 begann. Auch wenn die von Dușan Baiski - er nennt sich selbst ein Amateurhistoriker - ausgewerteten Dokumente, bezogen auf ihre Verfasser, nicht ganz absichtsfrei und neutral sind, werden sie als historische Quellen auch für die folgenden Generationen Bestand haben. Wir Jahrmarkter aber haben jetzt schwarz auf weiß, worüber vorher nur „getuschelt“ wurde.

Anton Potche


Ergänzung: Laut Ortssippenbuch der katholischen Pfarrgemeinde Jahrmarkt könnte es sich um folgende Personen handeln:
Britt Viliam = Britt Wilhelm (*1893 – †1946 in russischer Gefangenschaft) oder um seinen Sohn Britt Wilhelm Sebastian (*1920 – †1945 im Krieg)
Richert Mihai = Rückert Michael (1916 – 1989)
Pfeifel Mihai = Pfeifer Michael (1925 – 1982)
Albingher Filip (Albinger) = Albinger Filip (1911 - 1990)


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