Montag, 12. Januar 2026

Ein Betrieb mit vielen positiv verrückten Menschen

 
Uwe Wittstock: Die Büchersäufer – Streifzüge durch den Literaturbetrieb; zu Klampen Verlag, Springe, 2007; ISBN 978-3-86674-005-1; € 16,00, bei Online-Anbietern erhältlich.

Das Wort Büchersäufer mag dem einen oder anderen bekannt sein. Ich kannte, bevor ich dieses Buch in den Händen hielt, nur Benennungen wie Bücherwürmer oder Leseratten. Alles in allem handelt es sich um Menschen, die gerne lesen, könnte man meinen. Doch weit gefehlt: Uwe Wittstocks Büchersäufer sind mehr als nur Leser, also Konsumenten, sondern auch Macher, also Menschen, die in vielfältiger Art und Weise etwas tun, damit ein Buch entstehen kann und auf einem Buchladentisch landet. Und Uwe Wittstock (*1955), der Literaturredakteur, Lektor und Kulturkorrespondent, Literaturkritiker und Autor mehrerer literaturwissenschaftlicher Abhandlungen, hat noch einige Vokabeln für diese „Literaturabhängigen“ bereit, die er schon in „einem warnenden Vorwort“ preisgibt: Bücherabhängige, Lektürejunkies, Romankonsumenten, Fach- und Sachbuch-Abhängige, Readaholics und noch einige mehr, denen man begegnet, wenn man diese „Streifzüge durch den Literaturbetrieb“, wie im Untertitel suggeriert, mitmacht.

Das ist eine Wanderung mit zum Forschen und ab und zu auch zum Schmunzeln anregenden Blicken hinter die Kulissen eines Betriebes mit vielen positiv verrückten Menschen: Buchhändler, Verleger, Schriftsteller und nicht zuletzt wir Leser. Diese Textsammlung ist zwar schon 2007 erschienen und einige der Essays waren noch früher im Feuilleton (WELT, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, FAZ) veröffentlicht worden. Und doch habe ich heute (2026) den Eindruck, dass sich nicht allzu viel von dem, was man aus der Bücher(macher)welt von damals noch hört, und dem jetzigen Blätterrauschen geändert hat. Nicht von Ungefähr betitelt Uwe Wittstock das erste Kapitel mit einer Arie über die Sorgen der Branche, also einem Klanggesang, der aber mit der aufmunternden Feststellung endet: „ Daß sich immer wieder Menschen finden – eingeschworene Büchersäufer – die trotz dieser nicht gerade sportlichen Regeln den ungleichen Wettkampf aufnehmen und wider Erwarten gelegentlich Triumphe feiern, gehört zu den schönen Wundern des Literaturbetriebs.“

Wenn es in dieser Branche um Klein gegen Groß geht, hegt Uwe Wittstock unverkennbar Sympathien für die Kleinen. Repräsentativ für viele im deutschen Sprachraum porträtiert er Gerda Brencher und Klaus Bittner (Buchhändler) neben Verleger wie Bernd F. Lunkewitz, Gerd Haffmans, Daniela Seel, Benedikt Taschen oder den legendären Siegfried Unseld, obwohl Letzterer bestimmt nicht mehr zu den Kleinen gehört.

Man kann es kaum glauben: Wer von Büchersäufern spricht, muss nicht unbedingt nur an Menschenkinder in Fleisch und Blut denken. Nein, auch ein Bücherregal namens Billy kommt zu Ehren ... mit feinem Humor.

Uwe Wittstock wäre kein Literaturkritiker, wenn er nicht auch verschiedenen Genres eine Chance in seinem kurzweiligen Traktat eine Vorstellungsmöglichkeit einräumen würde. Wir finden darin Polemische Anmerkungen zum Theater, eine Kurze Betrachtung zum Kriminalroman und andere mehr oder weniger seriöse Themenfelder.

In der Zeitschrift DIE LITERARISCHE WELT (gegründet 1925) wird eine Rubrik gepflegt, die den Titel Actionszenen der Weltliteratur trägt und die Erläuterung enthält: „Alles Schriftstellerleben sei Papier, heißt es. In dieser Reihe treten wir den Gegenbeweis an.“ Das hat auch Uwe Wittstock in diesem Buch getan und zwar unter der Überschrift Schriftsteller und politische Visionen. Wir begegnen in diesem Essay Novalis, Friedrich Schlegel, Victor Hugo, Ludwig Börne, Heinrich Mann und anderen.

Auch der Sport in der Literatur kommt bei Uwe Wittstock nicht zu kurz. Aber als Letztes lässt der Autor das Gerüst jeder Sprache zur Geltung kommen: die Sätze. Und zwar Lauter letzte Sätze. So mancher von ihnen ist eigentlich nie so ausgesprochen worden, wie er der Nachwelt überliefert geblieben ist.

In einer Kritik bei DEUTSCHLANDRADIO KULTUR hieß es am 16. April 2007 zu diesem Buch und seinem Autor: „Wittstock schildert auf amüsante Weise den Wahnsinn, Bücher zu lieben, zu machen und zu verkaufen. […] Es ist vergnüglich, ihn dabei zu begleiten, von hier nach dort, ohne rechtes Ziel. Ein Buch zum Weglesen, eine Tagestour, die nicht erschöpft.“ (Carsten Hueck). Dem kann man voll zustimmen.
Anton Potche

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