Walter Fromm (Hg): die bewegung
der antillen unter der schädeldecke – junge rumäniendeutsche
lyrik zwischen 1975 und 1980 – Eine (historische) Anthologie –
Erweiterte, kritische Neuauflage 2022 mit einem einleitenden Essay
von Prof. Dr. Waldemar Fromm und einer soziokulturellen
Kontextualisierung von Prof. Dr. Anton Sterbling; POP-Verlag,
Ludwigsburg, 2022; ISBN 978-3-86356-350-9; 281 Seiten; [D] 23,00 €;
[A] 23,70 €; [CH] 27,20 SFr.
Was ist ein Samisdat? Das ist
eigentlich ein verbotenes Schriftstück. Es kann ein Gedicht, ein
Prosastück oder sogar ein ganzes Buch sein. Die Verbieter sind in
der Regel Staatsorgane und die Hersteller eben diesen Organen nicht
wohlgesonnene Oppositionelle, oft Schriftsteller. Nein,
es muss sich nicht unbedingt um politisch aktive Dissidenten handeln,
sondern schlicht und einfach um den Staatsorganen unsympathische
Mitglieder der schreibenden Zunft im eigenen Land. Diese Damen und
Herren schreiben aus Sicht der Machthaber unanständige Sachen und
bringen es unter der Hand hand- oder schreibmaschinengeschrieben
unters neugierige Volk. Das Samisdat-Phänomen war besonders im
ehemaligen Ostblock verbreitet. Auch in Rumänien. Sehr bekannt sind
Ana Blandianas Gedichte Eu cred, Totul, Cruciada
copiilor, Delimitări.
Sie wurden, nachdem sie „aus Versehen” in
der Zeitschrift AMFITEATRU 1984 erschienen waren, unzählige Male
abgeschrieben und dabei auch ergänzt. Wahrhaftige Volksdichtung! Der
Literaturkritiker Alex
Ștefănescu
schreibt zur
Geschichte dieser Gedichte: „Vielleicht wurde sie [Ana Blandiana]
damals überraschend unsere Jeanne d’Arc.“ (Ficțiuni.ro;
revistă de literatură și arte vizuale; Ana Blandiana și
deconstrucția canonului. Poezia
interzisă din perioada comunistă.)
Auch die rumäniendeutsche Literatur
hat ihre Samisdat-Geschichte. Ebenso spannend, auch wenn sie nicht im
Londoner THE INDEPENDENT breitgetreten wurde. Und das war so: Der
Deutschlehrer und Literaturkritiker, Stadt- und Verkehrsplaner,
Verlagslektor und Unternehmer Walter Fromm (*1950) hatte 1980
in Rumänien eine Anthologie mit Gedichten rumäniendeutscher Autoren
vorbereitet. Er wollte das Buch im Bukarester Kriterion Verlag
herausbringen, wurde aber abgelehnt, war er als Herausgeber doch mit
einem Aussiedlungsantrag stigmatisiert.
Ab dann nahm eine wahrlich
abenteuerliche Geschichte Fahrt auf, die erst im Jahre 2022 ihr Ende
finden sollte. Walter Fromm ließ 1980 seine Anthologie mit
dem Titel die bewegung der antillen unter der
schädeldecke auf
einer alten Schreibmaschine, die
„heute tief vergraben in den Müllbergen Hermannstadts/Sibiu“
(Waldemar Fromm)
liegt, in 15 Exemplaren
drucken und binden und verteilte sie an die darin bedachten Autoren
und andere Interessenten. Damit war die angedachte Blumenlese zum
Samisdat geworden. Auch wenn der Herausgeber heute nicht von einem
„Samisdat-Verfahren“ reden will. Der Dichter Horst
Samson, vertreten mit
zwei Gedichten, begreift die Anthologie, von deren Noch-Existenz
er keine Ahnung hatte, als eine „singuläre Samisdat-Anthologie“.
Singulär
dürfte ihre Geschichte tatsächlich sein. Und hoch interessant ihr
Inhalt, denn die wieder
ans Tageslicht gelangte Anthologie ist, bereichert durch einige
literaturwissenschaftliche Begleittexte, im Ludwigsburger POP-Verlag
erschienen
und ermöglicht so interessierten Lesern, sich ein Urteil zu bilden.
Waldemar
Fromm (*1961), Professor für Neuere deutsche Literatur bringt in
einem Essay, als Vorwort zur Neuauflage, Franz Kafka ins Spiel
und hält fest: „In Abgrenzung zur großen Literatur, zu der er als
Prager Autor die deutsche zählt, besteht der Vorteil der ‚kleinen
Literaturen‘ in der Nähe von Autor und Öffentlichkeit.“ Recht
hat er, haben wir doch als Rumäniendeutsche schon irgendwann mal die
Namen Richard Wagner, Werner Söllner, Rolf Bossert,
Franz Hodjak, William Totok, Helmut
Seiler, Klaus Hensel, Horst Samson,
Helmut Britz und Johann Lippet gehört
oder etwas von ihren Werken gelesen. Sie sind nämlich die
Protagonisten der als Samisdat geborenen Anthologie (in
hervorragender Neu-Edition) die bewegung der antillen unter der
schädeldecke.
Anton
Potche


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