Montag, 18. Mai 2026

Die Protagonisten eines Samisdat

 
Walter Fromm (Hg): die bewegung der antillen unter der schädeldecke – junge rumäniendeutsche lyrik zwischen 1975 und 1980 – Eine (historische) Anthologie – Erweiterte, kritische Neuauflage 2022 mit einem einleitenden Essay von Prof. Dr. Waldemar Fromm und einer soziokulturellen Kontextualisierung von Prof. Dr. Anton Sterbling; POP-Verlag, Ludwigsburg, 2022; ISBN 978-3-86356-350-9; 281 Seiten; [D] 23,00 €; [A] 23,70 €; [CH] 27,20 SFr.

Was ist ein Samisdat? Das ist eigentlich ein verbotenes Schriftstück. Es kann ein Gedicht, ein Prosastück oder sogar ein ganzes Buch sein. Die Verbieter sind in der Regel Staatsorgane und die Hersteller eben diesen Organen nicht wohlgesonnene Oppositionelle, oft Schriftsteller. Nein, es muss sich nicht unbedingt um politisch aktive Dissidenten handeln, sondern schlicht und einfach um den Staatsorganen unsympathische Mitglieder der schreibenden Zunft im eigenen Land. Diese Damen und Herren schreiben aus Sicht der Machthaber unanständige Sachen und bringen es unter der Hand hand- oder schreibmaschinengeschrieben unters neugierige Volk. Das Samisdat-Phänomen war besonders im ehemaligen Ostblock verbreitet. Auch in Rumänien. Sehr bekannt sind Ana Blandianas Gedichte Eu cred, Totul, Cruciada copiilor, Delimitări. Sie wurden, nachdem sie „aus Versehen” in der Zeitschrift AMFITEATRU 1984 erschienen waren, unzählige Male abgeschrieben und dabei auch ergänzt. Wahrhaftige Volksdichtung! Der Literaturkritiker Alex Ștefănescu schreibt zur Geschichte dieser Gedichte: „Vielleicht wurde sie [Ana Blandiana] damals überraschend unsere Jeanne d’Arc.“ (Ficțiuni.ro; revistă de literatură și arte vizuale; Ana Blandiana și deconstrucția canonului. Poezia interzisă din perioada comunistă.)

Auch die rumäniendeutsche Literatur hat ihre Samisdat-Geschichte. Ebenso spannend, auch wenn sie nicht im Londoner THE INDEPENDENT breitgetreten wurde. Und das war so: Der Deutschlehrer und Literaturkritiker, Stadt- und Verkehrsplaner, Verlagslektor und Unternehmer Walter Fromm (*1950) hatte 1980 in Rumänien eine Anthologie mit Gedichten rumäniendeutscher Autoren vorbereitet. Er wollte das Buch im Bukarester Kriterion Verlag herausbringen, wurde aber abgelehnt, war er als Herausgeber doch mit einem Aussiedlungsantrag stigmatisiert.

Ab dann nahm eine wahrlich abenteuerliche Geschichte Fahrt auf, die erst im Jahre 2022 ihr Ende finden sollte. Walter Fromm ließ 1980 seine Anthologie mit dem Titel die bewegung der antillen unter der schädeldecke auf einer alten Schreibmaschine, die „heute tief vergraben in den Müllbergen Hermannstadts/Sibiu“ (Waldemar Fromm) liegt, in 15 Exemplaren drucken und binden und verteilte sie an die darin bedachten Autoren und andere Interessenten. Damit war die angedachte Blumenlese zum Samisdat geworden. Auch wenn der Herausgeber heute nicht von einem „Samisdat-Verfahren“ reden will. Der Dichter Horst Samson, vertreten mit zwei Gedichten, begreift die Anthologie, von deren Noch-Existenz er keine Ahnung hatte, als eine „singuläre Samisdat-Anthologie“.

Singulär dürfte ihre Geschichte tatsächlich sein. Und hoch interessant ihr Inhalt, denn die wieder ans Tageslicht gelangte Anthologie ist, bereichert durch einige literaturwissenschaftliche Begleittexte, im Ludwigsburger POP-Verlag erschienen und ermöglicht so interessierten Lesern, sich ein Urteil zu bilden.

Waldemar Fromm (*1961), Professor für Neuere deutsche Literatur bringt in einem Essay, als Vorwort zur Neuauflage, Franz Kafka ins Spiel und hält fest: „In Abgrenzung zur großen Literatur, zu der er als Prager Autor die deutsche zählt, besteht der Vorteil der ‚kleinen Literaturen‘ in der Nähe von Autor und Öffentlichkeit.“ Recht hat er, haben wir doch als Rumäniendeutsche schon irgendwann mal die Namen Richard Wagner, Werner Söllner, Rolf Bossert, Franz Hodjak, William Totok, Helmut Seiler, Klaus Hensel, Horst Samson, Helmut Britz und Johann Lippet gehört oder etwas von ihren Werken gelesen. Sie sind nämlich die Protagonisten der als Samisdat geborenen Anthologie (in hervorragender Neu-Edition) die bewegung der antillen unter der schädeldecke.

Anton Potche

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