Uwe Wittstock: Die Büchersäufer
– Streifzüge durch den Literaturbetrieb; zu Klampen Verlag,
Springe, 2007; ISBN 978-3-86674-005-1; € 16,00, bei
Online-Anbietern erhältlich.
Das Wort Büchersäufer mag dem
einen oder anderen bekannt sein. Ich kannte, bevor ich dieses Buch in
den Händen hielt, nur Benennungen wie Bücherwürmer oder
Leseratten. Alles in allem handelt es sich um Menschen, die gerne
lesen, könnte man meinen. Doch weit gefehlt: Uwe Wittstocks
Büchersäufer sind mehr als nur Leser, also Konsumenten, sondern
auch Macher, also Menschen, die in vielfältiger Art und Weise etwas
tun, damit ein Buch entstehen kann und auf einem Buchladentisch
landet. Und Uwe Wittstock (*1955), der Literaturredakteur,
Lektor und Kulturkorrespondent, Literaturkritiker und Autor mehrerer
literaturwissenschaftlicher Abhandlungen, hat noch einige Vokabeln
für diese „Literaturabhängigen“ bereit, die er schon in „einem
warnenden Vorwort“ preisgibt: Bücherabhängige, Lektürejunkies,
Romankonsumenten, Fach- und Sachbuch-Abhängige, Readaholics und noch
einige mehr, denen man begegnet, wenn man diese „Streifzüge durch
den Literaturbetrieb“, wie im Untertitel suggeriert, mitmacht.
Das ist eine Wanderung mit zum
Forschen und ab und zu auch zum Schmunzeln anregenden Blicken hinter
die Kulissen eines Betriebes mit vielen positiv verrückten Menschen:
Buchhändler, Verleger, Schriftsteller und nicht zuletzt wir Leser.
Diese Textsammlung ist zwar schon 2007 erschienen und einige der
Essays waren noch früher im Feuilleton (WELT, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG,
FAZ) veröffentlicht worden. Und doch habe ich heute (2026) den
Eindruck, dass sich nicht allzu viel von dem, was man aus der
Bücher(macher)welt von damals noch hört, und dem jetzigen
Blätterrauschen geändert hat. Nicht von Ungefähr betitelt Uwe
Wittstock das erste Kapitel mit einer Arie über die Sorgen
der Branche, also einem Klanggesang, der aber mit der
aufmunternden Feststellung endet: „ Daß sich immer wieder Menschen
finden – eingeschworene Büchersäufer – die trotz dieser nicht
gerade sportlichen Regeln den ungleichen Wettkampf aufnehmen und
wider Erwarten gelegentlich Triumphe feiern, gehört zu den schönen
Wundern des Literaturbetriebs.“
Wenn es in dieser Branche um Klein
gegen Groß geht, hegt Uwe Wittstock unverkennbar
Sympathien für die Kleinen. Repräsentativ für viele im deutschen
Sprachraum porträtiert er Gerda Brencher und Klaus
Bittner (Buchhändler) neben Verleger wie Bernd F.
Lunkewitz, Gerd Haffmans, Daniela
Seel, Benedikt Taschen oder den legendären
Siegfried Unseld, obwohl Letzterer bestimmt
nicht mehr zu den Kleinen gehört.
Man kann es kaum glauben: Wer von
Büchersäufern spricht, muss nicht unbedingt nur an Menschenkinder
in Fleisch und Blut denken. Nein, auch ein Bücherregal namens Billy
kommt zu Ehren ... mit feinem Humor.
Uwe Wittstock wäre kein
Literaturkritiker, wenn er nicht auch verschiedenen Genres eine
Chance in seinem kurzweiligen Traktat eine Vorstellungsmöglichkeit
einräumen würde. Wir finden darin Polemische Anmerkungen zum
Theater, eine Kurze Betrachtung zum Kriminalroman und
andere mehr oder weniger seriöse Themenfelder.
In der Zeitschrift DIE LITERARISCHE WELT
(gegründet 1925) wird eine Rubrik gepflegt, die den Titel
Actionszenen der Weltliteratur trägt
und die Erläuterung enthält: „Alles Schriftstellerleben sei
Papier, heißt es. In dieser Reihe treten wir den Gegenbeweis an.“
Das hat auch Uwe Wittstock in
diesem Buch getan und zwar unter der Überschrift Schriftsteller
und politische Visionen. Wir
begegnen in diesem Essay Novalis,
Friedrich
Schlegel,
Victor
Hugo,
Ludwig
Börne,
Heinrich
Mann
und anderen.
Auch
der Sport in der Literatur kommt bei Uwe
Wittstock nicht zu kurz.
Aber als Letztes lässt der Autor das Gerüst jeder Sprache zur
Geltung kommen: die Sätze. Und zwar Lauter letzte Sätze.
So mancher von ihnen ist eigentlich nie so ausgesprochen worden, wie
er der Nachwelt überliefert geblieben ist.
In
einer Kritik bei DEUTSCHLANDRADIO KULTUR hieß es am 16. April 2007
zu diesem Buch und seinem Autor: „Wittstock schildert auf amüsante
Weise den Wahnsinn, Bücher zu lieben, zu machen und zu verkaufen.
[…] Es ist vergnüglich, ihn dabei zu begleiten, von hier nach
dort, ohne rechtes Ziel. Ein Buch zum Weglesen, eine Tagestour, die
nicht erschöpft.“ (Carsten
Hueck). Dem kann man voll
zustimmen.
Anton Potche



