Montag, 14. September 2015

Die Angst vor der eigenen Identität in der Öffentlichkeit

Ich will mitreden. Ich habe etwas zu sagen. Und was ich zu sagen habe, ist richtig. Meist ist es die einzige Wahrheit. Nur niemand soll wissen, wer ich bin. Meine Identität muss geschützt bleiben vor der Welt. Sie darf nur für mich existieren. Sonst könnte sie mir schaden, meine eigene Identität. Ich darf sie nicht freigeben, sonst kann sie sich gegen mich, ihren Hort des Seins, wenden. So und so ähnlich erleben wir sie täglich im Internet, die Millionen Nicknames mit ihren schrecklichen Ängsten vor der Enthüllung ihrer Identität. Warum verbergen sie sich, haben sie etwas verbrochen? Woher kommt diese Angst, erkannt zu werden? Wie kann man mit einer solchen Selbstverleugnung überhaupt leben? Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Zittern vor der eigenen Identität, dem Ich. Man könnte diesen Sachverhalt mit der Bemerkung abtun, dass wir es mit einem Internetphänomen zu tun haben. Auch das Medienzeitalter hat wie alle Perioden der Geschichte seine spezifischen Merkmale, und dazu gehört nun mal auch die Angst vor der eigenen Identität in der Öffentlichkeit.

Dieser Beschwichtigung könnte man folgen, wenn ... ja, wenn diese Angst die Menschen nicht auch in der realen Welt begleiten würde, in ihrem stinknormalen Alltag. Ich stand samstagmorgens am Bücherstand von Bruder Martin – er kümmert sich um die Obdachlosen in Ingolstadt – und schmökerte. Es könnte ja etwas dabei sein. Und ein, zwei Euro für Bruder Martin und sein Engagement im Sinne der Menschlichkeit sind immer gut angelegt.

Dann fuhr er an, der NPD-Mann mit seinem Propagandawägelchen. Nur wenige Meter entfernt von Bruder Martin hielt er an, plusterte sich auf wie ein Pfau und begann seine fremdenfeindlichen Parolen in die Fußgängerzone zu schreien. Die Zeit für solche Ein-Mann-Auftritte sind nicht die ungünstigsten. Weder bei uns noch anderswo in Europa. Ich griff sofort nach meinem Apparat. Den hältst du fest, diesen Marktschreier in Sachen Asylpolitik. Denn eins scheint klar, so aufnahmefreundlich, wie wir uns gerne geben, sind wir anscheinend gar nicht.

Der Beleg dafür? Hinter mir versammelte sich sofort eine diskussionsfreudige – falsch, diskussionswütige – Gruppe. Die nimmst du mit auf den Film, schließlich gehören sie zu diesem immerhin öffentlichen Auftritt (wie ich selber natürlich auch dazu gehörte – zumindest für die zwei Minuten, die ich bei diesem Spektakel verbrachte). Ich drehte mich weiter filmend um und sofort löste sich eine Frau aus der Menge der mittlerweile nicht nur diskutierenden sondern auch schon lebhaft gestikulierenden Gruppe und kam auf mich zu. „Was erlauben sie sich, mich – sie hat nicht gesagt „uns“ – zu filmen. Wer gibt Ihnen das Recht dazu?“ Sie zitterte förmlich, die Arme, die Entdeckte, die Enthüllte, die Bloßgestellte. Ich bat sie dann an einen schattigen Ort und zeigte ihr, dass sie auf dem Film (nur etwa 0,5 Sekunden lang, genauer 614 KB) nicht zu erkennen ist. Und ich versicherte ihr auch, dass ich den Halbe-Sekunden-Mitschnitt ihres Auftrittes als Zuschauerin  bei dieser Ein-Mann-Prozerei löschen werde.

Anscheinend wirkte ich glaubwürdig. Die Frau war beruhigt. Ihre Identität wird gelöscht. Welch eine Genugtuung! Was hat ihr diese Angst eingejagt? Fürchtete sie sich vor der Stigmatisierung einer NPD-Sympathiebekundung oder umgekehrt vor einer Political-Correctness-Einstufung? Wer kann das schon wissen? Niemand kennt ihr Umfeld und die aus ihm eventuell zu erwarteten Reaktionen.

Diskutieren im öffentlichen Raum ist ein Akt der Zivilcourage. Aber nur, wenn man das mit einer eigenen Identität tut. Diese mir unbekannte Frau bleibt gesichts- und damit identitätslos. Ihr Mitreden (falls sie es getan hat und zu wessen Gunsten oder Ungunsten auch immer) ähnelt doch sehr dem der Millionen No-Name-Surfer im virtuellen – also sinnlich kaum fassbaren – Raum. Ein Mitreden, das man getrost sofort vergessen kann. Natürlich habe ich die 614 KB Filmmaterial gelöscht. Es war nicht verwertbar.

Anton Potche  


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