Montag, 16. Oktober 2017

Wenn die Tuba mit der Harfe

Beim Label Coviello Classic der Produktionsfirma MBM findet man Musikproduktionen von so namhaften Orchestern und Ensembles wie Sinfonieorchester Aachen, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Radiophilharmonie des NDR, Nomos Quartett, Hörner der Berliner Philharmoniker, Salzburg Chamber Soloists und viele andere. Auch das Orchester des Nationaltheaters Mannheim gehört schon länger dazu - aber jetzt mit einer neuen Produktion: PAESAGGIO – WORKS FOR TUBA AND ORCHESTRA.

Diese aus tontechnischer Sicht hervorragende CD weist mehrere Besonderheiten auf. Da wäre einmal das sehr flexibel musizierende Orchester des Nationaltheaters Mannheim, das bei dieser Einspielung unter der Leitung von Walter Hilgers stand und eine exzellente Begleitrolle einnahm. Als Hauptakteure, und das wäre eine weitere Besonderheit, fungieren eine Solistin und ein Solist auf zwei Instrumenten, die man höchst selten – wenn überhaupt - im Duett erleben kann: Johanna Jung an der Harfe und Siegfried Jung an der Tuba. Dass dann auf dem Cover nur der Tubist abgebildet ist, hat weniger damit zu tun, wer in der Familie Jung das Sagen hat, sondern mehr mit dem musikalischen Schwerpunkt, der diesmal auf der Tuba liegt. Fünf Stücke wurden für diese Scheibe eingespielt – und alle für Tuba und Orchester sowie vereinzelt zusätzlich für Harfe und Klavier. Als weitere Besonderheit sollte nicht unerwähnt bleiben, dass zwei der Werke sogar für das Ehepaar Jung komponiert wurden und hier ihre Einspielpremiere erlebten.

Ralph Vaughan Williams’ (1872 – 1958) Konzert für Basstuba und Orchester wurde von den seit Langem erfolgreich kooperierenden Orchestermusikern Walter Hilgers am Pult und Siegfried Jung am Instrument schon öfters mit diversen Ensembles aufgeführt – in Rumänien sogar mit der berühmten Philharmonie George Enescu aus Bukarest. Die Art und Weise, wie die zwei Musiker dieses Konzert gestalten, führt dazu, dass die Tuba ihren Ruf des Exoten im klassischen Instrumentarium einbüßt – was natürlich auch so gewollt ist. Die Tuba ist ein gleichwertiges Instrument im Kreise der etablierten Blas- und Streichinstrumente eines symphonischen Orchesters. Ja, mehr noch, sie wird auch allen solistischen Ansprüchen gerecht – wenn sie von den richtigen Musikern geblasen wird. Wie eine Tube in einem Orchesterkonzert in der Solorolle klingen muss, wird von Siegfried Jung in dieser R. V. Williams-Einspielung demonstriert: sehr gefühlbetont in den Kantilenen, in den Tonhöhen sich dem Schönklang des Euphoniums nähernd und virtuos in den schnellen Passagen.

Das zweite Stück dieser CD ist ein Auftragswerk: Divertimento für Tuba, Harfe und Orchester. Wie das vorausgehende ist auch dieses ein Drei-Satz-Werk. Komponiert wurde es von Willi März, ein Münchner Komponist und Arrangeur, der seine Herkunft schon im ersten Satz seines Werkes nicht verleugnet. (Und schon längst nicht im dritten, ein Zwiefacher. Ich erinnerte mich sofort an meinen ersten Einsatz in einer bayerischen Blaskapelle aus Schierling. Plötzlich hieß es da: eins, zwei, drei; eins, zwei, drei; eins, zwei; eins, zwei; und dann wieder zwei Dreiertackte, gefolgt von zwei Zweiertackten und immer so weiter – für einen Banater Schwaben äußerst ungewöhnlich. Ich habe zwar kein Blut geschwitzt, musste aber schnell erkennen, dass man hier mit Hören weiter kommt als mit Zählen.) Tja, da trifft sich anspruchsvolle Klassik mit aus dem Volk übermitteltem Musikantentum. Und dazu kommt eine harmonische Instrumentalehe. Welch herrliche Musik, wenn Harfe und Basstuba wie hier harmonieren. Ich konnte beim Zuhören keine Anlehnungen an andere Werke und schon längst nichts Epigonenhaftes erkennen. Aber etwas Estradenhaftes wohnt dieser Musik inne. Du kannst sie einfach überall spielen. Man kann sie sich sowohl in einem Konzertsaal als auch in einem Kurortpavillon vorstellen. Was dabei allerdings stimmen muss, ist die Qualität des Orchesters und der Solisten. Also Musik, der jedermann lauschen, aber die nicht jedermann spielen kann.

Als drittes Stück beinhaltet diese Produktion ein 20minütiges Musikepos von Torbjörn Iwan Lundquist (1920 – 2000). Als ich die ersten Takte vernahm, fiel mir sofort Finlandia ein. (Nicht der Vodka, sondern Jean Sibelius’ sinfonische Dichtung.) Aber von dem, was Finnen empfinden, liegen die Schweden anscheinend nicht allzu weit entfernt. Torbjörn Iwan Lundquist hat mit Landscape für Tuba, Streichorchester und Klavier genau die passende Musik zu den naturbetonten, oft schroffen und endlosen Landschaften Skandinaviens komponiert. Das war wirklich so: Ich habe beim zweiten Abspielen dieses Stückes das Licht im Zimmer ausgemacht und mir diese Musik bei hereinschauendem Mond zu Gemüte geführt. Off, ich hatte schon Angst, da kommen sich Tuba und Orchester in die Quere. Zum Glück waren die boshaften Akkorde nach dem gleitenden Tubasolo zu Beginn des Stückes nur eine Andeutung der auch unwirtlich sein könnenden Landschaft des Nordens. Man einigte sich schnell, weil der Komponist es eben so wollte. Und ich durfte bei herbstlichem Mondschein meine Einsamkeit genießen. Manchmal kann Alleinsein so schön sein. Wie zum Beispiel bei dieser Musik.

Johanna Jung
Fotoquelle: Booklet
Das vierte Stück ist auch eine Auftragskomposition. Andrea Csollány (*1964) hat sie für das in der Pfalz beheimatete Ehepaar Jung  - er, Siegfried,  ein geborener Banater Schwabe und sie, Johanna, eine Oberbayerin – geschrieben: Prayer für Tuba, Harfe und Streicher. Laut Booklet (ausführlich und zweisprachig: deutsch – englisch, mit gelungenen Schwarzweißfotos) bedeutet Prayer Gebet. Welch ein Widerspruch zum Inhalt. Wer dieser Musik lauscht, vergisst doch zu beten. Diese Melodiecluster zwingen dich zum Lauschen, wie beim Lesen eines guten Buches. Wie geht es weiter? Liegt da nicht ein Flimmern über der endlosen Puszta? Die Sonne versinkt am Horizont. Ich spekuliere einfach. Als Hörer darf ich das doch. Der Name der Komponistin deutet auf diese Möglichkeit hin. Und der Geburtsort des Tubisten? Der liegt am Rande des pannonischen Beckens. Da ruft der Sonnenuntergang in der Sommerhitze das gleiche Flimmern hervor. Und die Harfenistin? Ihre Heimatstadt liegt an der Donau, dem Strom, der die Puszta durchquert und auf dem vor 300 Jahren die Ahnen des Tubisten ins Banat fuhren. Wer weiß, vielleicht haben sie ja in Ingolstadt angelegt. Sollten diese historischen Hintergründe eine Seelenverwandtschaft rechtfertigen, dann ist Prayer der richtige Titel für dieses faszinierende Stückchen Musik – auch wenn man beim Zuhören das Beten vergisst.

Zum Schluss eines gelungenen Konzertes gibt es oft eine oder auch mehrere Zugaben. In der Klassik ist es meistens ein Ohrwurm. Siegfried Jung spielt in Liveauftritten gerne den Rumänischen Tanz Nr. 2 von Ionel Dumitru (1915 – 1997), doch nicht die Originalfassung für Tuba und Klavier sondern ein Arrangement für Tuba und Orchester von Willi März. Und man muss schon sagen, der Münchner Komponist & Arrangeur hat den Ton getroffen. Es ist der gleiche, dem schon Béla Bartók (1881 – 1945) mit seinen Rumänischen Tänzen Weltruhm verschafft hat. Ein Ton, der die Alltagsmühen wie auch die Leichtigkeit und Heiterkeit der Völker Südosteuropas in ein musikalisches Gewand kleidet – nicht nur das der Rumänen. Und dieses Gewand mit einem Tubaton genäht ist noch mal eine Kunst für sich. Wer sich davon überzeugen will, sollte sich diese CD besorgen. Sie klingt mit Ionel Dumitrus virtuosem Tubastück aus.

Irritierend war für mich bei aller Begeisterung für die gehörte Musik die Beschriftung des Covers. Dreisprachig: Paessagio (italienisch), Works for Tuba and Orchestra (englisch), Siegfried Jung – Tuba (deutsch, englisch), Johanna Jung – Harp (englisch), Orchester des Nationaltheaters Mannheim (deutsch), Walter Hilgers – Conductor (englisch). Die Qualität dieser Musikproduktion unterstreicht die Internationalität der Musik auch ohne dieses Sprachengemenge auf dem Cover, ganz gleich, was die Gestalter sich dabei gedacht haben.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, sich diese mit nicht alltäglicher Musik bestückte CD zu besorgen. Das Label Coviello Classics bietet sie an (http://www.covielloclassics.de/), über Siegfried Jungs Homepage kann man sie über einen Shop für 15 Euro plus Versandkosten erwerben  (https://www.siegfriedjung.de/shop). Auch Amazon bietet sie schon an - zu anderen Preisen (https://www.amazon.de/Paesaggio-Werke-F%C3%BCr-Tuba-Jung/dp/B075RSVGX6) - und im Musikhandel müsste man sie ebenfalls kaufen können.
 Anton Potche

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