Montag, 20. Februar 2017

Ein Grund neugierig zu sein

Heinz Czechowski: Die Pole der Erinnerung – Autobiographie – mit einem Nachwort von Sascha Kirchner; Grupello Verlag, Düsseldorf, 2006; ISBN 3-89978-046-9; 282 Seiten, Hardcover;  22,90 EUR

Ich hatte den Namen nie oder nur flüchtig gehört: Heinz Czechowski. Und doch bestellte ich eines Tages seine Autobiografie, den selbstreflektierten Lebenslauf eines 2009 verstorbenen Dichters aus Dresden. Ein guter Teil seiner Schaffensperiode deckt sich also mit der DDR-Zeit. So eine Überlappung ist für mich eigentlich immer ein Grund neugierig zu sein. Bis zum Erwerb eines Buches ist es ab da allerdings noch ein gutes Stück des Weges. Die Strecke bewältigte ich, als ich in einem meiner Ordner eine Artikelserie aus der NEUEN BANATER ZEITUNG / Temeswar aus dem Jahre 1978 durchblätterte. Darin wird die 70-jährige Geschichte der damals im deutschgeprägten Dorf Jahrmarkt im rumänischen Banat aktiven Loris-Blaskapelle erzählt. In einer Fortsetzungsfolge las ich, dass im Jahre 1970 der DDR-Schriftsteller Heinz Czechowski in Jahrmarkt einem Konzert dieser Blaskapelle beiwohnte und dem Kapellmeister Mathias Loris eines seiner Gedichtbände überreichte. Ob und wie der 70-jährige Autobiograf (er schrieb seine Autobiographie im Jahre 2005) sich an diese Episode seines wahrlich abenteuerlichen Lebens erinnerte, wollte ich – als geborener Jahrmarkter, der schon darum nicht alle Konzerte dieses Blasorchesters besuchte, weil er in einer konkurrierenden Kapelle spielte – wissen.

Also habe ich gelesen …, um bis zur letzten Seite keine einzige Erwähnung dieses Dorfereignisses zu finden. Für meine Enttäuschung wurde ich aber anderweitig reichlich entschädigt: Ich las in knapp drei Tagen – für einen wie mich, der nicht zu den Schnellüberfliegern gehört, eine erhebliche Leistung – eine Autobiografie, die nichts mit einem chronologischen Lebenslauf zu tun hat, sondern von mir eher als eine in brillantem Deutsch verfasste Abrechnung mit den eigenen Unzulänglichkeiten wahrgenommen wurde.

Natürlich gehören auch zu dieser Biografie Großereignisse der deutschen Geschichte. Wie anders könnte es bei einem 1935 in Dresden geborenen und dort pubertierenden Jungen sein: Drittes Reich, DDR und BRD. Heinz Czechowski hat auch das mittlere Glied dieser deutschen Geschichtskette ohne öffentlichkeitswirksame Dissidentschaft und trotzdem opponierend überlebt. Aber zu welchem Preis?

Die familiären Erschütterungen dieses Autors ermöglichen auch Einblicke in die tiefen Abgründe der Literaturszene des deutschen Vasallenstaates der großen Sowjetunion: Ehen, Scheidungen, Affären, Nervenzusammenbrüche und natürlich Bespitzelungen noch und nöcher. Ein unruhiges Leben, das eher Stoff für einen autobiografischen Roman als für eine genregetreue Autobiografie liefert.

Und das wurde es dann auch: ein von fesselnder Subjektivität kolorierter selbstbezogener Roman oder eine romanhafte Biografie, so als wäre sie von einem veritablen Romancier und nicht von einem Dichter verfasst. Aber ohne offenkundige Larmoyanz. Nur selten sind die Anderen schuld an den vielen seelischen Beschädigungen. Meistens outet Czechowski sich selber als Ursache allen Übels: „Ich hatte es nach meiner ersten Scheidung eigentlich immer nur zu einer Lebensweise gebracht, die durch Unstetigkeit und Improvisation gekennzeichnet war.“

Ich raste ungestüm durch die vielen tiefen und wenigen Höhen dieses deutschen – zu Beginn ostdeutschen – Dichterlebens der Gegenwart, um dann kurz vor Schluss doch noch den Atem anzuhalten. Viermal erwähnt Heinz Czechowski seinen „damaligen Lektor Werner Söllner“ vom Ammann-Verlag als seinen „Freund“. Zusammen haben sie an Czechowskis letztem bei Ammann erschienenen Gedichtband Wüste Mark Kolmen gearbeitet, ein Buch, zu dem der Dichter ein besonderes Verhältnis zu haben scheint. Er erinnert sich: „Einige der Gedichte sind der letzte Nachhall meiner sächsischen Existenz. Wenn es stimmt, daß Heimat das ist, was man nicht hat, so habe ich meine Heimat in einem doppelten Sinne verloren.“

Die Pole der Erinnerung ist 2006 im Grupello Verlag erschienen. Im Dezember 2009 hat Werner Söllner, der Banater Schwabe, von einer Münchner Bühne herab seine Spitzeltätigkeit für die Securitate publik gemacht, was damals als ein durchaus ungewöhnliches Ereignis eingestuft wurde. Heinz Czechowski († 21. Oktober) hat das öffentliche Geständnis seines ebenfalls heimatlosen Freundes und Lektors nicht mehr mitbekommen. Erschüttert hätte es ihn nach so vielen biografischen Erdbeben bestimmt nicht mehr.
Anton Potche

Keine Kommentare:

Kommentar posten