Mittwoch, 8. Januar 2020

Ein gelungener Film

Am ersten Tag nach den Weihnachtsfeiertagen hatten zwei öffentlich rechtliche Fernsehsender je einen Film von Uli Edel im Programm. Und das noch zu gleicher und bester Sendezeit: ARD zeigte Der Club der singenden Metzger und Arte brachte Unterm Birnbaum. Der 72-jährige Ulrich Edel gehört zu den großen Machern des deutschen Films. Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1980) oder Der Baader Meinhof Komplex (2008) sind nur zwei der Spielfilme, die Edels Affinität für zeitgenössische Themen unter Beweis stellen. Mit der dreiteiligen Familiensaga Das Adlon (2013) dringt er weiter in die Geschichte ein und umspannt einen Zeitraum von fast einem Jahrhundert.
Fidelis Waldvogel wandert aus.
FotoQuelle: DAS ERSTE
Ich hatte mich am Abend des 27. Dezember für den Dreistundenstreifen Der Club der singenden Metzger entschieden, ohne es bereuen zu müssen. Der Film spielt auch wie einige Szenen aus dem Adlon in den berühmt berüchtigten 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Doch nicht in einer Berliner Kulturszene sondern im fernen Amerika. Die Protagonisten des Films kommen aber aus Deutschland, genauer gesagt aus dem Schwäbischen und aus Hamburg. Sie sind auf der Suche nach einem besseren Leben. Eine integre Metzgerfamilie und eine halbe (Vater und Tochter) Familie Zirkusakteure begegnen sich in dieser Siedlergeschichte, die nichts mehr mit den Einwandererschicksalen der nach Westen strebenden Weißen des 19. Jahrhunderts zu tun hat; und schon längst nichts mit wild herumballernden Banditen und Kopfjägern sowie mit ihre Jagdgründe verteidigenden Indianern. (Davon gab es dann genug einen Tag später in einem Thementag auf 3sat.) Einen Sheriff gibt es aber, und dazu noch einen auf tragische Weise liebeshungrigen.
Diese Geschichte hat viel zu tun mit dem Aufbauwille von Millionen Aussiedlern – denn das waren Fidelis Waldvogel mit seiner Frau Eva und die Zirkusartistin Delphine mit ihrem dem Alkohol verfallenen Vater Robert -, die einstmals dieses deutsche Land in Richtung Amerika oder nach Südosteuropa verließen, aber auch mit dem Überlebenswille Millionen Vertriebener und anderer Aussiedler, die Jahrzehnte später aus dem Osten in dasselbe deutsche Land kamen. Besonders die in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland gekommenen Aussiedler aus dem Osten und Südosten Europas werden sich mit so mancher Szene in diesem Film identifizieren können. Zum Beispiel mit dem Abschied Fidelisʼ, als der Chor der Zurückbleibenden Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus anstimmte. Als ich und viele andere aus meinem Banater Dorf gingen, spielte die Blasmusik, und das war nicht weniger rührend. Nur die angesteuerten Ziele waren doch unterschiedlich, und das gewaltig
Die Drehbuchautorinnen Doris Dörrie und Ruth Stadler haben sich auf den US-Bestseller The Master Butchers Singing Club gestützt. Der Roman von Louise Erdrich (*1954), eine mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnete amerikanische Schriftstellerin, ist 2003 erschienen. Eine deutsche Fassung gibt es seit 10 Jahren auf dem Buchmarkt.
Die Handlung des Films ist spannungsgeladen, voller Dramatik und dazwischen immer wieder bestückt mit wahrlich poetischen Momenten, die sich aus den Traditionen der Protagonisten speichern. Ich denke dabei an die Choräle, die meistens ganz spontan von einem Sänger angestimmt werden und dann zum vielstimmigen Lied anwachsen. Das ist oft ergreifend, wenn es auch Kritiker gibt, die gerade hier von Kitsch reden. Oder ich denke an den Tanz der alten Indianerin. Eine Aufnahme aus der Vogelperspektive, die beweist, dass Ulrich Edel etwas von dichterischer Stimmung versteht. Ja, gute Filmkunst kann auch lyrische Momente erzeugen. Das gelingt meistens - wie auch hier - im Einklang mit guter Musik.
Der Club der singenden Metzger ist ein Film mit vielen ergreifenden Momenten. Es ist nur schade, dass er nicht mit einem Happyend ausgeht. Aber vielleicht entgeht er gerade darum dem Makel eines billigen Melodrams. Das hätten auch die meist hervorragend agierenden Schauspieler nicht verdient. Nein, drei Stunden Freizeit für diesen Film zu opfern, ist keine verlorene Zeit.
Anton Potche
Club der singenden Metzger; D, 2019; Regie: Uli Edel, Buch: Doris Dörrie & Ruth Stadler, Kamera: Hannes Hubach, Musik: Jonas Nay & David Grabowski; Darsteller: Jonas Nay (Fidelis Waldvogel), Aylin Tezel (Delphine), Leonie Benesch (Eva), Sylvester Groth (Robert) u. a.; 180 Minuten.

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