Mittwoch, 4. März 2020

Er ist noch immer der alte


In der letzten Zeit hat er sich rar gemacht. Zumindest dem Schein nach, seit er nicht mehr in der ersten Sitzreihe des Bundestages und auch selten am Rednerpult zu sehen ist: Gregor Gysi. Der Mann, bei dessen Auftritten in der Öffentlichkeit man sich nie langweilt. Dabei muss man kein Anhänger der dunkelroten Die Linke sein. Nein, es reicht politisches Interesse, und dabei die Fähigkeit zu besitzen, auch andere Meinungen neben der eigenen zu akzeptieren. Zustimmen muss man ihnen ja nicht, aber wenn man sie akzeptabel findet, darf man schon darüber nachdenken, ohne sich dabei gleich gegen die eigene Parteipräferenz zu versündigen.

Gregor Gysi in Ingolstadt
Fotos: Anton Potche
So stand er da, am kalten Nachmittag des 27. Februar 2020, vor dem Szenencafé Tagtraum auf dem Ingolstädter Paradeplatz und machte Kommunalwahlkampf für seine Ingolstädter Genossen. Gregor Gysi. Wie er leibt und lebt. Und wie man ihn kennt aus dem Bundestag und unzähligen Talk Shows. (Der Journalist Christian Silvester meint im DONAUKURIER, es wären, „überspitzt geschätzt, drei Monate“ am Stück gewesen.) Natürlich hatte Gysi auch etwas zum Klima zu sagen: „Schnee habe ich heuer noch keinen gesehen.“ Prompt brach zwei Stunden später ein heftiger Schneesturm über der Region um Ingolstadt los. Da sage noch einer, der Himmel würde Männer wie Gysi nicht erhören. Und der Wahlkämpfer sah auf seine Handuhr und meinte, er müsse noch am gleichen Tag nach Würzburg zu einer anderen Veranstaltung. Der Sturm kam von Westen. Ob Gregor Gysi die Mainmetropole pünktlich erreichte, war den Medienberichten der folgenden Tage nicht zu entnehmen.

Den etwa 100 Zuhörern in Ingolstadt konnte es wurscht sein: Sie hatten ihren politischen Genuss. Gysi argumentiert gelassen ohne Tobsuchtanfälle a la Aschermittwoch – obwohl er auch dort einen Tag vorher zugegen war – und wirft ab und zu einen Blick auf sein vom langsam aufkommenden Wind verwehtes Manuskript. „Danke, das brauch ich noch“ - zu einem Zuhörer. Aber nur um den Faden nicht zu verlieren. Zu jeder Überschrift sagt er ein zwei Sätze und steuert fast immer zielsicher auf eine Pointe zu, die vom Publikum begeistert goutiert wird. So, wenn er zum Beispiel wie nebenbei erwähnt, dass er sich köstlich darüber amüsiert habe, wie Donald Trump in einer Sitzung der Vereinten Nationen der 17-jährigen Greta Thunberg 20 Minuten lang zuhören musste. „Er konnte sie nicht unterbrechen und er konnte ja auch nicht weg.“ Unterhaltsam, amüsant, aber trotzdem fernab jedweder Comedy. Das ist seriöse Politik im wahrsten Sinne des Wortes, was Gregor Gysi hier mit dem Tagtraum im Rücken und dem Neuen Schloss inklusive Militärmuseum vor sich den Zuhörern mit auf den Weg gibt. Er spricht internationale, nationale und kommunale Themen an, die uns alle berühren.

Auch die heimischen Linken, können sich von Gysis Anspielungen ein Stückchen abschneiden. Denen wünscht er eine erfolgreiche Kommunalwahl „ohne Zersplitterung“. Die Ingolstädter Linken waren nämlich 2014 mit zwei Stadträten in den Stadtrat eingezogen. Jetzt, 14 Tage vor der nächsten Wahl, ist längst keiner der beiden mehr als Linker dabei. Sie haben sich eine andersfarbige politische Kapuze übergestülpt. Und die jetzt antretenden Linken haben sich gleich zu ihrem Neustart etwas (aus Sicht der anderen Parteien) ganz Verrücktes einfallen lassen. Sie wollen (falls sie den Einzug schaffen) nach einem Rotationsprinziep im neuen Stadtrat agieren, das heißt, die Legislaturperiode für sich von sechs Jahren auf je zwei mal drei Jahre aufteilen, damit sie, die Linken in Ingolstadt, „nicht korrupt werden“, wie Christian-Linus Pauling, ihr OB-Kandidat, es sinngemäß formuliert hat.

Vielleicht war Gysis diskreter Fingerzeig auch eine Anspielung auf diese Rotation, einschließlich in letzter Zeit anscheinend so unumstößlicher Parteitagsbeschlüssen, die politische Gremien schnell in Schockstarre versetzen können. Siehe Thüringen. Er selber, Gysi, hat schon so viel in seinem politischen Leben mitgemacht, dass er nur schwer zu schockieren ist. Also machte er sich auch von Ingolstadt aus auf den Weg zu neuen / alten politischen Auseinandersetzungen. Dabei haderte er noch schmunzelnd mit seinen Veranstaltungsplanern, die ihm – immerhin schon 72 Jahre alt – noch einiges an Terminen zumuten.
Anton Potche

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