Montag, 22. Juni 2020

Von Ovid zu Dinescu


Die heurigen Tage der deutschsprachigen Literatur, auch unter dem Namen Bachmann-Preis bekannt, sind Vergangenheit. Es waren die 44-sten. Und sie waren weiß Gott nicht normal – wie so viel in diesen Tagen von Corona und Covid. Sie gingen am vergangenen Wochenende in Klagenfurt über die Bühne. Das kann man zwar so sagen, weil man es nicht anders kennt. Der Wahrheit entspricht es aber mitnichten oder, im besten Fall, nur zum Teil. Denn die Protagonisten waren zu Hause, Autoren wie Juroren. Im Studio waren leere Zuschauerreihen, ein Moderator und ein Justiziar – schließlich und endlich war ja auch das ein Wettbewerb oder Bewerb, wie die Österreicher sagen, wie in allen anderen Jahre zuvor auch. So gesehen, war viel nicht normal. Aber nach vier Tagen Zuschauen (von Donnerstag bis Sonntag) fiel mir der Unterschied gar nicht mehr auf. Videokonferenzen und unzählige Kultur-YouTube -Formate wurden im ersten Halbjahr 2020 Normalität. Also ward die Abnormalität auch hier zur Normalität: die ersten digitalen Tage der deutschsprachigen Literatur (TddL).

Und siehe da, es war doch auch in diesem Jahr wie immer. Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben gelesen und Literaturkritiker haben anschließend über das Vorgelesene gesprochen: sachlich, hitzig, objektbezogen, ausschweifend, theoretisierend, lobend, verwerfend, kritisch und – man höre und staune – sogar selbstkritisch. Und die Texte? Na ja. Geschmackssache. Wie eh und je. Neun Frauen und vier Männer haben ihre Texte vorgelesen, von zu Hause. Außer der autobiographischen Erzählung von Helga Schubert (80 Jahre alt) würde mich kein vorgetragener Text zwecks eventuellem Erwerb zum Geldausgeben bewegen. Das wäre selbst bei etwaigem Interesse auch gar nicht nötig, denn die Texte sind auf der Homepage des Bachmann-Preises als PDF-Datei einsehbar.

Leonhard Hieronymi
liest in Klagenfurt
FotoQuelle - Videoausschnitt; 
https://bachmannpreis.orf.at/stories/ondemand/
So kann man auch die Arbeit von Leonhard Hieronymi (*1987) lesen. Er schreibt über drei junge Männer, die sich in den Kopf gesetzt haben, das Grab Ovids im fernen (aus deutscher Sicht) Tomis zu besuchen. (Der Autor benutzt den selten gebrauchten Namen Tomi.) Ihr Besuch erschöpft sich dann in der lapidaren Textpassage:Nachdem wir von den Uferpromenaden aus einen Balkon bestiegen hatten, sahen wir sie endlich, die eingerahmten Ruinen von Tomi. Eine gräuliche, nur wenige hundert Quadratmeter umfassende Ansammlung von zerfallenen Mauern; ein weißes Wärterhäuschen am Rand und ein Schild, das verblichen und mit Asterix und Obelix-Schrift auf die Überreste hinwies. Man konnte, einfach so, ein kleines Tor öffnen und über die Reste von Tomi hüpfen, niemand hielt uns auf, der Wärter in seinem Häuschen kaute gelangweilt an irgendetwas herum. Marius, Pascal und ich sagten kein Wort.“ Das war‘s dann auch schon. Mehr gibt dieser Ort anscheinend auch gar nicht her. 

Und die Sehnsucht nach der Antike schien sich bei dem Ich-Erzähler sowieso in Grenzen zu halten, denn er wechselte ziemlich brüsk in die doch (zumindest aus der Sicht eines Gourmets) etwas verträglichere Gegenwart. Und zwar so: „Vergangenes Jahr war ich Gast in der Sommerresidenz des rumänischen Schriftstellers, Revolutionsführers und Fernsehkochs Mircea Dinescu gewesen, der Ende 1989 bei der Stürmung des Fernsehsenders Studio 4 dabei gewesen war und den Sturz Ceaușescus verkünden durfte. An einem Abend feierte er im Erdgeschoss mit dem Vorstand der rumänischen Raiffeisenbank seinen Geburtstag nach. Es gab Kaviar, gegrillten Donaukarpfen und bergeweise Fleischröllchen mit hausgemachtem Senf und Champagner.“

Und so geht es weiter mit der Erkundung Rumäniens durch einige (wenige) Erlebnisse, die gekürzt und mit der Nachsicht eines Feuilletonchefs für eine Reisereportage ausreichen könnten, aber keineswegs den Ansprüchen eines etablierten Literaturwettbewerbs genügen können. Dementsprechend fielen dann auch die Urteile der Juroren aus (vier Männer & drei Frauen). Ich war erstaunt, dass keinem aufgefallen ist, wie sorglos der Autor mit historischen Namen gleich zu Beginn seines Textes umgeht. Das ist nicht mehr als ein erneuter Beweis dafür, wie weit Südost- von Westeuropa entfernt ist. Wenn man doch schon weiß, dass man vor einem Fernsehpublikum (es würde mich freuen, sagen zu können: vor einem Millionenpublikum) lesen wird, dann sollte man sich doch wenigstens die Mühe machen, Wörter mit diaktrischen Zeichen aus dem rumänischen Alphabet korrekt (wenn auch mit fremdem Akzent) auszusprechen. Brâncoveanu als Brancoveanu zu erwähnen, macht den Text für die Zuhörer nicht zugänglicher. Vielleicht würde das bei einer rein literarischen, mit fiktiven Elementen bestückter Prosa noch durchgehen, aber in einer Reportage wirkt es sehr gekünstelt. Und mehr als eine Reportage – ohne diese Gattung gegenüber der epischen Erzählung abwerten zu wollen – ist dieser Text nun mal nicht. Trotzdem hat er mir, grob betrachtet, gefallen. Wen wundert‘s? Bei meiner Biografie? Und einen Text durch eine wie auch immer geartete regionalpatriotische Brille zu betrachten, ist für mich als Leser immer eine erfrischende Herangehensweise an einen Text. Das die Literaturexperten, das dann oft ganz anders sehen als ich, kann ich meistens auch nachvollziehen. So war es auch diesmal.

Leonhard Hieronymi kam nicht in die engere Wahl der Jury. Darüber habe ich mich nicht gewundert und war auch nicht enttäuscht. Umso mehr habe ich mich über die Hauptpreisträgerin gefreut, und das nicht nur wegen ihrer vorgetragenen Lesung, sondern weil ich schon während des Wettbewerbs auf Helga Schubert gesetzt hatte. Wenn sich das jetzt nach Eigenlob anhört, so gibt es dafür einen plausiblen Grund. Tja, den gleichen oder ähnlichen literarischen Geschmack wie Hubert Winkels (Köln / Berlin), Nora Gomringer (Bamberg), Klaus Kastberger (Graz), Brigitte Schwens-Harrant (Wien), Philipp Tingler (Zürich), Michael Wiederstein (Zürich) und Insa Wilke (Frankfurt) zu haben, lässt mich vor Stolz erröten.

Und weil es so unsäglich schwer ist, einen Text zu beenden, ohne ihn überhaupt mit dem Anfang begonnen zu haben, möchte ich das Versäumte hier nachholen. Wie jeder TddL-Wettbewerb hatte auch dieser mit einer Rede zur Literatur begonnen. Gehalten hat sie Sharon Dodua Otoo, Preisträgerin 2016. Und sie, die Rede, bestand aus einer einzigen rhetorischen Titel-Frage, Dürfen Schwarze Blumen Malen?, versehen mit vielen Sätzen, Nebensätzen und zum Schluss befriedigt mit einer einfachen Antwort: „Ja. Je mehr desto besser.“ ... Würde ich auch sagen.

Also so gesehen, war das für mich durchaus ein erfreuliches Wochenende … Wäre da nicht diese Nachricht vom Tode eines Schulkollegen aus meinen Kinder- und Jugendjahren … Und damit verbunden die bei mir immer häufiger auftretende Erkenntnis, dass man sich diesem gewissen Ende nähert … Unausweichlich … Wie jeder Text … Ob jugendfrisch oder altersschwach.

Anton Potche

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