Montag, 20. Juli 2020

Siebenbürger Literatur aus der Zwischenkriegszeit

Erwin Wittstock: Zineborn, Erzählungen 1920-1929, Union Verlag Berlin & Kriterion Verlag Bukarest, 1982; Hardcover 427 Seiten; DDR 15,80 M (erhältlich bei verschiedenen Internet-Anbietern).

Dieses Buch kostete in der DDR 15,80 Mark. Dort wurde es 1982 vom Union Verlag Berlin aufgelegt. Das war eine Gemeinschaftsausgabe mit dem rumänischen, korrekter: rumäniendeutschen, Kriterion Verlag Bukarest. Und diese Zusammenarbeit hat sich gelohnt. Das Resultat ist ein Erzählband mit sehr interessanten und zum Teil unterhaltsamen, aber auch verstörenden Einblicken in die reale und manchmal auch irreale Welt der Siebenbürger Sachsen um die Zeit von 1920 bis 1929, wenn man diesen Entstehungszeitraum der hier versammelten Erzählungen auch als Inspirationsquelle des Autors betrachtet.

Erwin Wittstock ist der Schöpfer dieser zum Teil als belletristische Leckerzbissen wahrnehmbare Prosastücke. Er wurde 1899 in Hermannstadt (Rumänien) geboren und starb 1962 in Kronstadt. Dazwischen lag ein bewegtes Leben mit einer freiwilligen Teilnahme am Ersten Weltkrieg – man erinnere sich an die Kriegseuphorie vieler deutscher Intellektueller -, einem Jurastudium in Klausenburg, Rechtsanwaltstätigkeiten in Hermannstadt und Kronstadt, aber auch Zeiten, in denen er einer freien Schriftstellerei nachging. Das Ergebnis dieses ereignisreichen Lebens – auch mit Aufenthalten in Berlin und im tschechischen Hammer am See (Hamr na Jezeře) – ist ein literarisches Œvre, das sich sowohl quantitativ als auch qualitativ sehen lassen kann. Dass seine Schriften gleichsam von den Nazis und den Kommunisten als zumindest nicht systemgefährdend und gleichermaßen ideologiefrei akzeptiert wurden, spricht für eine gewisse Neutralität von Wittstocks Themen. Für eine derartige Akzeptanz (oder auch nur Duldung) bietet sich Regionalliteratur förmlich an. Eine solche hat Erwin Wittstock auch geschrieben. Und das in einer Art und Weise, dass man seine literarische Tätigkeit mit 30 Buchveröffentlichungen in den Städten Hermannstadt, Schässburg, München, Leipzig, Prag, Hamburg, Bukarest, und Ostberlin durchaus in einem gesamtdeutschen Literaturlexikon erwähnen kann. Im Lexikon der Weltliteratur von Gero von Wilpert wird Erwin Wittstock dann auch als ein „Erzähler von Romanen und Novellen bes. aus dem Leben der Siebenbürger Sachsen“ geführt.

Wie zutreffend die Apostrophierung ist, kann man schon in den in jungen Jahren verfassten Erzählungen Erwin Wittstocks erkennen. Die meisten von ihnen sind in dieser DDR-Ausgabe veröffentlicht: 18 an der Zahl. 

Es geht los mit einem Herodesspiel. Als Banater Schwabe wurde ich natürlich an die „Chriskindche-Gruppe“ oder die „Drei Keenich“ erinnert, die im Winter in den banatschwäbischen Dörfern von Haus zu Haus zogen und ihre Botschaften überbrachten. Der ethnologische Wert einer solchen Erzählung sollte bei einer Rückbetrachtung natürlich nicht aus den Augen verloren werden. Auch sprachlich gibt der Text Einiges her. Beim lesen wird einem schnell klar, wie die Sprache sich seit der Entstehung dieses Textes verändert hat – in knapp 100 Jahren.

Ein Ausflug mit Onkel Flieha lässt ganz andere Betrachtungen zu: sachliche Schilderung gepaart mit einem Schuss gesunden Sprachwitz. Der Onkel des Ich-Erzählers war „Sargtischler“ und „Leichenträger“. Seine dem Jägerlatein um nichts nachstehende Schilderungen klingen so: „Dies Hündchen, das auf ungeklärte Weise dem Leichenzug seines Herrn bis zum Friedhof gefolgt war, war nämlich mit einemmal laut kläffend zwischen die Beine des Pfarrers, der gerade das Vaterunser betete, geraten und hatte sich in seinem langen Ornat derart verwickelt, daß der Pfarrer ins Grab fiel und mit lautem Krachen auf den Sarg des Ambrosius aufschlug und er, der Flieha, die größte Mühe hatte, ihn wieder ans Tageslicht emporzuziehen.“

Dieses Buch ist schon darum mehr als ein schlichter Band mit Erzählungen, weil er ein wahrlich literaturwissenschaftliches Nachwort enthält, das von keinem Geringeren als dem Sohn des Autors, Joachim Wittstock (*1939), verfasst wurde. Ferner gibt es ausführliche Informationen in extra Anhängen: Zur Entstehung und Veröffentlichung der Erzählungen, Anmerkungen zu dieser Auswahl sowie Wort- und Sacherklärungen. Das ist alles sehr wichtig, handelt es sich doch weitgehend um Geschichten, die in einem geografisch präzise definierten Raum spielen: in Siebenbürgen.

Schon der Buchtitel, Zineborn, ruft regelrecht nach Aufklärung – zumindest für Nichtsiebenbürger. Das war auch dem noch immer in Siebenbürgen lebenden und schreibenden Joachim Wittstock klar, denn er klärt gleich zum Anfang seines Nachwort-Essays auf: „Zineborn in der Fachliteratur mit verdoppeltem n geschrieben, ist ein auch heute gebräuchlicher Birthälmer Flurname, der sein Vorhandensein einer Quelle verdankt, einem Born, womit die sächsischen Dialekte und mit ihnen die heimische Sprachwissenschaft eine ‚größere aus der tiefe kommende Quelle im freien Feld, Walde d.h. im Naturzustande, im Gegenteil zum eingefaßten Brannen‘ bezeichnen.“

Auf den Fluren meines Banater Heimatdorfes Jahrmarkt gab es die „Brinncher“. Jetzt könnte ich über vergleichende Etymologie und Ethnografie nachsinnen. Auch das bietet sich beim Lesen dieser Erzählungen über das Leben um den „Zineborn“ an – und ist für mich ein Grund, dieses Buch mit gutem Gewissen weiterzuempfehlen.

Anton Potche

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