Montag, 16. November 2020

Kopfkissenunterlage für die Erinnerung

 Walter Engel & Walter Tonța (Hg.): Die Banater deutschen Mundarten – Charakteristiken, Erforschung und Mundartliteratur; Beiträge der 52. Kulturtagung in Sindelfingen – 5./6. November 2016; Landsmannschaft der Banater Schwaben – Landesverband Baden-Württemberg, Stuttgart, 2017; ISBN 978-3-00-055922-8; 135 Seiten; EURO 12,00.

„Mei Bett hat ke Gstell, / Mei Gstell hat ke Bett. / Doch wüßt ich nit enen, / Derʼs lustiger hett.“ (aus J. W. Goethe: Gedichte; Gondrom Verlag, 1995).

Das ist Mundart. Und geschrieben hat es kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe. Es ist die dritte Strophe aus dem Gedicht Freibeuter und es lässt die Gedanken zu Lenaus Die drei Zigeuner fliegen. Thematisch, nicht auch sprachlich. Bei Lenau heißt es: „An den Kleidern trugen die drei / Löcher und bunte Flicken, / Aber sie boten trotzig frei / Spott den Erdengeschicken.“

Es geht hier nicht um Mundart gegen Hochsprache. Beide verherrlichen das Hochgefühl der Freiheit. Es ist eben dieses Gefühl, das einst im Banat für so viele Menschen, ja eine ganze Gemeinschaft, seinen Ausdruck in einem tiefen Sehnen fand. Dabei denke ich nicht nur an Flucht und Auswanderung, sondern an ein Sprachrefugium, in das böse Geister nicht eindringen konnten oder vielleicht gar nicht wollten: die Mundart, den Dialekt der Banater Schwaben.

Ihm widmete der Landesverband Baden-Württemberg der Landsmannschaft der Banater Schwaben im Herbst 2016 seine traditionelle Kulturtagung in Sindelfingen. Es war die zweiundfünfzigste (52). Walter Engel und Walter Tonța haben eine Sammlung mit den Beiträgen dieser Veranstaltung veröffentlicht.

Wer die Beiträge liest, wird unschwer zwei inhaltliche Textkategorien ausmachen können: sprachwissenschaftliche und literaturwissenschaftliche. Für die erste Kategorie zeichnen Hans Gehl: Deutsche Mundarten im Banat. Ihre Entstehung, Beschreibung und Erforschung und Alwine Ivănescu / Mihaela Șandor: Ein Zeugnis der Banater Sprachvielfalt. Das Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten. Literaturwissenschaftlichen Schwerpunkten haben sich Helmut Ritter: Die PIPATSCH – mehr als ein Witzblatt. Über die Bedeutung der Mundartbeilage der NEUEN BANATER ZEITUNG für die Banater Schwaben. Ein Rückblick, Luzian Geier: Erzählungen aus seinem und aus unserem Leben. Ludwig Schwarz (1925 – 1981) – ein herausragender deutscher Schriftsteller und Mundartautor des Banats sowie Walter Engel: Banatschwäbische Mundartdichtung nach dem zweiten Weltkrieg. Neuentdeckung des literarischen Erbes und Höhenflug der Mundartliteratur gewidmet.

Es sind besonders die literaturwissenschaftlichen Beiträge, aus denen man herauslesen kann, wie wichtig Sprachfreiheit für eine Gesellschaft im Allgemeinen und eine Minderheit im Besonderen ist. Aus dieser Sicht ist dieses Buch für die Erinnerungskultur der Banater Schwaben ein wahrer Schatz. Es lässt die Berwanger-Zeit wieder lebendig werden. Und die war besonders in den 1970er Jahren von einem starken Gemeinschaftsgefühl der deutschen Minderheit im Banat geprägt. Einen wesentlichen Beitrag zu diesem leider sehr kurzen Höhenflug haben die deutschen Kulturinstitutionen geleistet. Ich meine die NEUE BANATER ZEITUNG, das Deutsche Staatstheater Temeswar und die deutsche Lehrerschaft des Banats, nicht zu unterschätzen auch die deutsche Sendung von Radio Timișoara.

Aus einem Tagungsbericht von Walter Tonța erfährt der Leser Genaueres über den Ablauf dieser Veranstaltung. Es gab auch diesmal eine musikalische Darbietung von Dr. Franz Metz, Leonore Laabs und Wilfried Michl. Man stellt aber auch fest, dass einer der gehaltenen Vorträge in diesem Band nicht enthalten ist. Dr. Hans Dama hat nämlichüber Banater Mundartforschung anhand der Ortsmundart von Großsanktnikolaus“ referiert. (Warum sein Beitrag keine Aufnahme in dieses Buch fand, wird nicht präzisiert.)

Was wir im kommunistischen Rumänien erlebt haben, war trotz aller Schikanen auch ein Stück Freiheit im Sinne von Goethes Freibeuter und Lenaus Die drei Zigeuner. Sprachfreiheit! Dass man uns die gelassen hat, erleichtert unser schönes Erinnerungspotential erheblich und lässt die dunklen Seiten weiter verblassen. Fürs Altern ist das ein weiches Erinnerungspolster, mehr noch, ein Kopfkissen, unter das man nachts zwecks Memorieren ein Buch legt, wie man es uns in weit zurückliegenden Zeiten im Banat noch beigebracht hat. Das vorliegende Pipatsch-Buch (Umschlagfoto) unters Kopfkissen legen und ab und zu mal reinschauen, kann auf die Seelen der Pipatsch-Generation labend wirken.

Für 12 Euro kann man diese Kopfkissenunterlage bei der Landsmannschaft der Banater Schwaben – Landesverband baden-Württemberg, Schlossstr. 92, 70176 Stuttgart erwerben. Es geht auch online über info@banaterschwaben-badenwuerttemberg.de oder telefonisch bei der Nummer 0711/625127.

Anton Potche

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