Heinrich Heini: Alte und neue
Heimat – Stories aus dem Tage- und Nächtebuch eines
Hermannstädters; Verlag BoD - Books on Demand, Nordersted, 2020;
ISBN – 9783752896985; Kartoniert, 320 Seiten; 19,99 €.
Der Name des Autors deutet auf den
deutschen Lyriker zwischen Romantik und Realismus, Heinrich Heine,
hin. Liest man in Heinrich Heinis alten und neuen
Heimatgeschichten und schlägt nebenbei ein seriöses Lexikon bei
Heinrich Heine auf, so begegnet
man in Letzterem Stichwörter wie „geistreiches Spiel“ (natürlich
mit der Sprache), „Spott“, „romantische Ironie“,
„Augenblickskunst“, „Scharfe Natur- und Lebensbeobachtung mit
unerschöpflich spöttelndem Witz“ und nicht zuletzt „Reisebilder
in sprunghaft - impressionistischem Plauderstil“. (Gero von
Wilpert: Lexikon der Weltliteratur). Das lässt
natürlich die Vermutung zu, dass Heini ein Pseudonym sein
könnte, passen die Heine-Stichwörter doch auch in gewissem Maße
zum Autor von Alte und neue Heimat.
Liest man sich dann vorwärts – es
geht eigentlich recht flüssig -, wird man mit einer Kurzvita am Ende
des Buches belohnt. Auch mit der Genugtuung, mit seinen anfänglichen
Vermutungen richtig gelegen zu haben: Heinrich Heini ist
Heinrich Ekkehardt Höchsmann … oder umgekehrt.
Aber warum Heini? „Na so ein
Heini!“ Dieses Bonmot ist mir doch geläufig. „Na so ein Heini!“
Aber wie, positiv oder negativ behaftet? Diesmal geht der Griff zum
Wörterbuch (Mackensen) … und tatsächlich: Heini ist ein
männlicher Vorname, der auf einen „albernen“, „komischen“
oder auch „dummen“ und „üblen“ Kerl hindeutet. Wer das Buch
Heinrich Heinis bis zum Ende liest, darf sich eine dieser
Charakteristiken aussuchen. Ich habe mich auf die ersten zwei
festgelegt, wobei ich „albern“ gerne als „läppisch sein,
lärmen, tollen“ (aus demselben Wörterbuch) verstehen würde.
Eigentlich haben wir es hier mit
einer leicht dahinerzählten Autobiografie zu tun, die 1947 in
Siebenbürgen beginnt und bisher ohne Ende in Deutschland und vielen
anderen Ländern ihren oft lustigen, ja sogar skurrilen Lauf genommen
hat. Seinen bisherigen, nicht an Aberwitz mangelnden Lebenslauf hat.
H. H. in 77 Episoden beschrieben, die er in sechs
chronologisch aneinandergereihten Kapiteln untergebracht hat: Alte
Heimat 1947 – 1975, Sportstudium Bukarest 1965 – 1969,
Freiburg 1975 – 1983, 30 Jahre Pharma 1983 –
2012, Reisen 1975 – 2020 und Neue Heimat 1975 –
2020.
Es liegt offen auf der Hand, dass H.
H. nicht der bravste Schüler, Soldat und Student in seiner
rumänischen Zeit war. Und dass er sich über alle diese Lebensphasen
lustig macht, entspricht anscheinend einem heiteren und immer auf der
Lauer nach Skurrilitäten liegenden Gemüt. In der Episode Von
Ratten und Mördern, Trilogie II heißt es zum Beispiel:
„Soldat T.R. Hosman, packen sie Zahnbürste und Rasierzeug ein und
kommen sie mit. Getan wie befohlen, werde ich im gleichen Jeep
abtransportiert wie 2 Tage zuvor aus Costinești.”
Und worin sollte hier der Spott liegen, wo es sich doch um
eine Einkerkerung bei der Militärstaatsanwaltschaft handelte? Da ist
Lesen zwischen den Reihen angesagt. T.R. heißt „termen redus –
verkürzte Militärzeit“. Davon profitierten die Studenten in
Rumänien in der Ära Ceaușescu. Das
Spötteln des Autors liegt aber nicht darin, sondern in der
Aussprache des Namens. Der rumänische Militärbedienstete konnte den
deutschen Namen des T.R.-Soldaten Höchsmann nicht aussprechen, so
dass nur ein Hosman übrig blieb. Doch Vorsicht deutsche Leser: Wer
liest, ohne sich vorher um den bürgerlichen namen des Autors bemüht
zu haben, könnte ab Seite 67 meinen, er hätte es mit der
Autobiografie eines Herrn Heinrich Hosman zu tun. Dem ist natürlich
nicht so.
Hier und an vielen anderen Stellen
dieses Buches spürt man, dass Heinrich Heini der
Schalk im Nacken sitzt. Da schreibt einer, der seinen Humor
feilbietet – für 19,99 EUR. Man sollte nach dieser leicht
konsumierbaren Lektüre greifen, auch wenn das Satzbild ab und zu
uneinheitlich daherkommt und einigen Wörtern Aktritzen guttun würden
(ă, â, ș, ț).
Da wären dann noch die Erinnerungen
eines Lesers, die ihm beim Lesen (wie so oft bei rumäniendeutschen
Autoren) kamen. Irgendwo schreibt H. H. auf Seite 213: „Dulcea
mea, meine Süße, oriunde ai fi, te voi găsi, wo
immer du bist, meine Liebe trägt mich zu dir, schmalzen OZON, die
Pop-Gruppe aus Moldawien, die mit ‚Mai achi, mai acho‘ europaweit
die Nr. 1 wurde.“ Meine Frau und ich saßen am Mittagstisch. Im
Hintergrund kam Musik aus dem Radio. Bayern 1. Dann plötzlich dieses
Lied der Gruppe OZON. Ich musste in die Arbeit und durchlebte die
ganze Spätschicht mit diesem Lied im Kopf. Jetzt ist es wieder da,
zumindest einige Takte. So geht es einem, wenn man eine Alte und
neue Heimat hat.
Anton Potche


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