Mittwoch, 8. April 2026

So geht es einem

 
Heinrich Heini: Alte und neue Heimat – Stories aus dem Tage- und Nächtebuch eines Hermannstädters; Verlag BoD - Books on Demand, Nordersted, 2020; ISBN – 9783752896985; Kartoniert, 320 Seiten; 19,99 €.

Der Name des Autors deutet auf den deutschen Lyriker zwischen Romantik und Realismus, Heinrich Heine, hin. Liest man in Heinrich Heinis alten und neuen Heimatgeschichten und schlägt nebenbei ein seriöses Lexikon bei Heinrich Heine auf, so begegnet man in Letzterem Stichwörter wie „geistreiches Spiel“ (natürlich mit der Sprache), „Spott“, „romantische Ironie“, „Augenblickskunst“, „Scharfe Natur- und Lebensbeobachtung mit unerschöpflich spöttelndem Witz“ und nicht zuletzt „Reisebilder in sprunghaft - impressionistischem Plauderstil“. (Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur). Das lässt natürlich die Vermutung zu, dass Heini ein Pseudonym sein könnte, passen die Heine-Stichwörter doch auch in gewissem Maße zum Autor von Alte und neue Heimat.

Liest man sich dann vorwärts – es geht eigentlich recht flüssig -, wird man mit einer Kurzvita am Ende des Buches belohnt. Auch mit der Genugtuung, mit seinen anfänglichen Vermutungen richtig gelegen zu haben: Heinrich Heini ist Heinrich Ekkehardt Höchsmann oder umgekehrt.

Aber warum Heini? „Na so ein Heini!“ Dieses Bonmot ist mir doch geläufig. „Na so ein Heini!“ Aber wie, positiv oder negativ behaftet? Diesmal geht der Griff zum Wörterbuch (Mackensen) … und tatsächlich: Heini ist ein männlicher Vorname, der auf einen „albernen“, „komischen“ oder auch „dummen“ und „üblen“ Kerl hindeutet. Wer das Buch Heinrich Heinis bis zum Ende liest, darf sich eine dieser Charakteristiken aussuchen. Ich habe mich auf die ersten zwei festgelegt, wobei ich „albern“ gerne als „läppisch sein, lärmen, tollen“ (aus demselben Wörterbuch) verstehen würde.

Eigentlich haben wir es hier mit einer leicht dahinerzählten Autobiografie zu tun, die 1947 in Siebenbürgen beginnt und bisher ohne Ende in Deutschland und vielen anderen Ländern ihren oft lustigen, ja sogar skurrilen Lauf genommen hat. Seinen bisherigen, nicht an Aberwitz mangelnden Lebenslauf hat. H. H. in 77 Episoden beschrieben, die er in sechs chronologisch aneinandergereihten Kapiteln untergebracht hat: Alte Heimat 1947 – 1975, Sportstudium Bukarest 1965 – 1969, Freiburg 1975 – 1983, 30 Jahre Pharma 1983 – 2012, Reisen 1975 – 2020 und Neue Heimat 1975 – 2020.

Es liegt offen auf der Hand, dass H. H. nicht der bravste Schüler, Soldat und Student in seiner rumänischen Zeit war. Und dass er sich über alle diese Lebensphasen lustig macht, entspricht anscheinend einem heiteren und immer auf der Lauer nach Skurrilitäten liegenden Gemüt. In der Episode Von Ratten und Mördern, Trilogie II heißt es zum Beispiel: „Soldat T.R. Hosman, packen sie Zahnbürste und Rasierzeug ein und kommen sie mit. Getan wie befohlen, werde ich im gleichen Jeep abtransportiert wie 2 Tage zuvor aus Costinești.” Und worin sollte hier der Spott liegen, wo es sich doch um eine Einkerkerung bei der Militärstaatsanwaltschaft handelte? Da ist Lesen zwischen den Reihen angesagt. T.R. heißt „termen redus – verkürzte Militärzeit“. Davon profitierten die Studenten in Rumänien in der Ära Ceaușescu. Das Spötteln des Autors liegt aber nicht darin, sondern in der Aussprache des Namens. Der rumänische Militärbedienstete konnte den deutschen Namen des T.R.-Soldaten Höchsmann nicht aussprechen, so dass nur ein Hosman übrig blieb. Doch Vorsicht deutsche Leser: Wer liest, ohne sich vorher um den bürgerlichen namen des Autors bemüht zu haben, könnte ab Seite 67 meinen, er hätte es mit der Autobiografie eines Herrn Heinrich Hosman zu tun. Dem ist natürlich nicht so.

Hier und an vielen anderen Stellen dieses Buches spürt man, dass Heinrich Heini der Schalk im Nacken sitzt. Da schreibt einer, der seinen Humor feilbietet – für 19,99 EUR. Man sollte nach dieser leicht konsumierbaren Lektüre greifen, auch wenn das Satzbild ab und zu uneinheitlich daherkommt und einigen Wörtern Aktritzen guttun würden (ă, â, ș, ț).

Da wären dann noch die Erinnerungen eines Lesers, die ihm beim Lesen (wie so oft bei rumäniendeutschen Autoren) kamen. Irgendwo schreibt H. H. auf Seite 213: „Dulcea mea, meine Süße, oriunde ai fi, te voi găsi, wo immer du bist, meine Liebe trägt mich zu dir, schmalzen OZON, die Pop-Gruppe aus Moldawien, die mit ‚Mai achi, mai acho‘ europaweit die Nr. 1 wurde.“ Meine Frau und ich saßen am Mittagstisch. Im Hintergrund kam Musik aus dem Radio. Bayern 1. Dann plötzlich dieses Lied der Gruppe OZON. Ich musste in die Arbeit und durchlebte die ganze Spätschicht mit diesem Lied im Kopf. Jetzt ist es wieder da, zumindest einige Takte. So geht es einem, wenn man eine Alte und neue Heimat hat.
Anton Potche

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